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Israel Sind arabische Frauen Opfer zweiter Klasse?

Schockiert von der Ermordung einer jungen Mutter wagt sich Israels Minderheit an das Tabuthema „Ehrenmord“. Doch das Misstrauen im arabischen Sektor gegenüber israelischen Institutionen ist groß.

Arab Israeli police recruits take part of a training exercise at Israeli police academy center in Beit Shemesh, Israel
Arab Israeli police recruits take part of a training exercise at Israeli police academy center in Beit Shemesh, Israel August 24, 2016. Picture taken August 24, 2016. REUTERS/Ammar Awad - RTX2N06C Foto: © Ammar Awad / Reuters (X90085)

Doa Abu Schark hatte mit ihren vier Kindern einen glücklichen Tag verbracht, zum ersten Mal wieder seit ihrer Scheidung vor mehr als einem Jahr. Die zwei Jungs und die zwei Mädchen lebten bei ihrem Exmann. Er, fast 20 Jahre älter als die 33-jährige Doa, besaß das alleinige Sorgerecht, sonst hätte er nie in die Trennung eingewilligt. Bis zu jenem 23. September 2016 hatte er ihr nicht erlaubt, die Kinder – das jüngste fünf, das älteste zwölf Jahre alt – wiederzusehen.

„Es war ein Freitag“, erinnert sich ihr Vater seufzend, „sie hatte sich lange danach gesehnt.“ Der Exmann hatte auch darauf bestanden, dass sie am Abend, Punkt 20 Uhr, die Kinder zurückbringen sollte. Als Ort der Übergabe hatte er ihr einen Parkplatz in Lod, dem Wohnort beider Familien nahe dem israelischen Ben-Gurion-Flughafen, als Treffpunkt genannt. Sie hielt sich an die Abmachung, schon aus Angst vor seinen Zornesausbrüchen. Als Doa Abu Schark aus ihrem Wagen stieg, um sich von ihren Kindern zu verabschieden und ihnen noch ein paar Geschenke und Taschengeld zuzustecken, trat ein maskierter Mann auf sie zu. Er stieß die Kleinen zur Seite, hielt ihr eine Pistole an die Schläfe und drückte ab.

Der Mord an einer Mutter vor den Augen ihrer Kinder schockierte nicht nur ganz Lod, eine von sechs gemischten Städten in Israel, in denen Araber und Juden leben. Es war das 13. tödliche Gewaltverbrechen an einer Frau in diesem Jahr. Die meisten Opfer gehörte wie auch Doa Abu Schark der arabischen Minderheit an, die in der Gesamtbevölkerung kaum mehr als zwanzig Prozent ausmacht. Lange Zeit waren solche Fälle als „Ehrenmorde“ abgetan worden, ein Begriff, der in der Frauenbewegung schon immer tabu ist. Aber diesmal gingen aus Protest gegen die skrupellose Tat mehr Menschen denn je auf die Straße: Feministinnen, Männer aus Lod, arabische Knesset-Abgeordnete.

Samah Salaime, eine Aktivistin für Frauenrechte, sieht darin einen Fortschritt. „Früher kamen zu solchen Demonstrationen nicht mehr als eine Handvoll Leute.“ Auch wenn das Problembewusstsein bei der Polizei noch immer mangelhaft sei.

Viel zu oft hielten es Polizisten nach wie vor für das Beste, eine verprügelte Ehefrau, die sich hilfesuchend an sie gewendet habe, nach Hause zu bringen und den Familienstreit „von Mann zu Mann“ zu klären. „Haltet euch an das Gesetz, bringt sie in ein geschütztes Frauenhaus“, lautet Salaimes Forderung. „Keine Frau läuft nachts mit ihren Kindern ohne dramatischen Grund aus dem Haus.“ Salaime hat vor sieben Jahren ein Selbsthilfezentrum für arabische Frauen in Lod gegründet, kurz Naam genannt. Damals hatte gerade der Fall der 17-jährigen Nadia für Entsetzen gesorgt.

Armut und Gewalt gehen Hand in Hand

Sie war von ihrem Vater missbraucht und von ihrem Bruder umgebracht worden, nachdem sie bei den Behörden um Hilfe gesucht hatte. Naam kümmert sich neben Unterstützung für Gewaltopfer auch um Beratung und kämpft gegen gängige Vorurteile der jüdischen Mehrheitsgesellschaft, wonach „Ehrenmorde“ nun mal Teil der arabischen Kultur seien.

Dabei haben die meisten geschlechtsspezifischen Tötungsdelikte nicht das Geringste mit „Familienehre“ zu tun. In Lod zeigt sich exemplarisch, wie Armut, Drogenhandel und Gewalt Hand in Hand gehen.

Abir Abu Ktfar, eine alleinerziehende Mutter, etwa wurde in ihrer Wohnung erschossen, weil sie sich geweigert hatte, für einen Drogendealer zu arbeiten. Selbst diesen Fall hatte die Polizei zunächst als „Ehrenmord“ verbucht. „Die Zahl der arabischen Schulabbrecher ist hier doppelt so hoch wie im landesweiten Verhältnis“, berichtet Salaime. „Jobs gibt es zu wenig, aber illegale Waffen sind in Lod überall zu haben.“

So hoch die Mordrate unter arabischen Frauen ist – durchschnittlich zehn Opfer pro Jahr –, so niedrig ist die Aufklärungsquote. „In 80 Prozent der Fälle wurden die Täter nie ermittelt“, sagt Salaime. Oftmals schickten Ehemänner einfach Auftragskiller vor.

Dieser Verdacht besteht auch im aktuellen Fall Doa Abu Schark. Ihr Exmann hatte just zum Zeitpunkt, als sie auf dem Parkplatz, 300 Meter von ihrem Elternhaus entfernt, vor den Augen ihrer Kinder erschossen wurde, einen Ausflug in den israelischen Norden unternommen.

Die Polizei vermutet, dass er sich gezielt ein Alibi verschaffen wollte. Nicht zuletzt angesichts des öffentlichen Drucks hat sie ihn und zwei ältere Söhne aus erster Ehe in Untersuchungshaft genommen. Dass er seine junge Frau in 13 Jahren Ehe immer wieder verprügelt hatte, ist überdies aktenkundig.

Der Vater des Mordopfers weiß auch von Drohungen noch vor der Scheidung und hat keinen Zweifel, dass der Exmann seine Tochter auf dem Gewissen hat. „Er war es, der ihr Leben und unseres zerstört hat.“ Ob die Indizien für eine Verurteilung reichen, sei allerdings dahingestellt, ebenso, ob der maskierte Killer jemals gefunden wird.

Das Misstrauen im arabischen Sektor gegenüber den israelischen Institutionen ist groß. „Sie behandeln uns nicht als gleichwertig“, lautet eine vielgehörte Klage. Jeder Palästinenser, der einen Juden töte, werde geschnappt. Aber arabische Opfer zählten offenbar als zweitklassig. Immerhin, in der vorigen Woche hat erstmals ein Knesset-Ausschuss eine Anhörung zu dem Gewaltproblem veranstaltet, dem vor allem, aber nicht nur, arabische Frauen ausgesetzt sind. „Das Bewusstsein wächst, dass diese Verbrechen mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft gehören“, sagt Salaime.

„Früher wurde alles unter der Decke gehalten. Aber heute muss jeder Mann damit rechnen, dass er es mit einer Menge Leute zu tun bekommt, wenn er sich an einer Frau vergeht.“

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