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Israel "Keiner legt sich mit den Siedlern an"

Zeef Sternhell, israelischer Friedensaktivist und Anschlagsopfer, spricht im FR-Interview über die rabiaten Methoden jüdischer Extremisten.

04.10.2008 00:10
Israeli Jewish settler argues with Palestinian woman near the Kyriat Arba Jewish settlement in the West Bank city of Hebron
Auge in Auge: Jüdische Siedlerin im Streit mit junger Palästinenserin. Foto: rtr

Herr Sternhell, viele Israelis dachten instinktiv an rechtsextreme Täterschaft, als das Attentat auf Sie passierte. In der rechten Ecke wird behauptet, es sei eine Provokation des Schin Beith, des Inlandgeheimdienstes gewesen. Was sagen Sie dazu?

Auf den Flugblättern, die die Polizei in der Nachbarschaft fand, war eine hübsche Summe auf den Kopf jedes Mitglieds der Friedensinitiative Schalom Achschaf ausgesetzt (umgerechnet 200 000 Euro; die Redaktion). Möglich auch, dass die Täter Verrückte waren. Aber sie wussten, dass meine Frau und ich erst am Vortag von einer Auslandsreise zurückgekehrt waren. Jedenfalls spricht jeder hier im Lande, vom Premier bis zum einfachen Zeitungsleser, von einem Akt politischer Gewalt, einer Terrortat, die dem rechtsextremen Sektor entspringt.

Dass die Sache ernst genommen wird, ist ein gutes Zeichen, oder?

Ja. Sogar der Innenausschuss der Knesset hat eine Sondersitzung anberaumt und mich eingeladen. Ich glaube, dass etwas in das Bewusstsein der Leute vorgedrungen ist: Die israelische Gesellschaft hat ein wirkliches Problem.

Warum hat keine Regierung bislang die Siedlerbewegung zu stoppen vermocht?

Aus politischer Schwäche. Niemand hat es gewagt, sich mit der erfolgreichen Siedler-Lobby anzulegen. Sie besaß ja auch lange Zeit den Rückhalt von Menachim Begin oder Ariel Scharon. Siedler galten als wahre Idealisten, die Fortsetzung der früheren Pioniere. Es war der große Irrtum, dass man in Judäa und Samaria mit dem gleichen Recht siedeln kann wie zu Staatsgründerzeiten in Galiläa. Entweder ist das Verrat am Zionismus oder eine Verkennung der Realität.

Friedensaktivist Uri Avnery meint sogar, "faschistische Elemente" in der radikalen Siedlerschaft zu erkennen.

Der rechtsnationale Extremismus, der sich in der Westbank entwickelt, stellt eine Gefahr an sich dar, auch ohne Vergleich mit dem Faschismus. Es handelt sich um Leute, die Menschenrechte und universale Rechte für einen Witz halten. Aber bitte nicht vergessen: das betrifft eine marginale Minderheit unter 270 000 Siedlern. Die große Mehrheit hat sich in der Westbank niedergelassen, weil es dort für weniger Geld mehr Lebensqualität gibt. Im Falle einer Friedenslösung machen die kaum Probleme. Junge Siedler-Extremisten hingegen lehnen jede Koexistenz-Idee rundweg ab.

Was radikalisiert sie gerade jetzt?

Auf jeden Fall sind sie auf Konfrontation eingestellt. Nach Israels Abzug aus Gaza haben sie beschlossen, so etwas darf sich nicht wiederholen. Sie kämpfen um jeden Hügel und unsere Regierung ist unfähig, auch nur einen Wohnanhänger zu räumen.

Die Methoden der Siedler-Aktivisten sind rabiat. Ihre "Preisschild-Politik" etwa bedeutet, jeden Räumungs- oder Festnahmeversuch mit dem Niederbrennen von palästinensischen Olivenfeldern oder dem Blockieren von Landstraßen zu erwidern. Selbst der für die Westbank zuständige General Gadi Schamni spricht von einem dramatischen Anstieg der Siedlergewalt, die von radikalen Rabbinern noch gefördert werde. Ist das Siedlungsunternehmen noch zu stoppen?

Nicht mal das Versprechen an die Amerikaner, ungenehmigte Siedleraußenposten zu räumen, hat die Regierung umgesetzt. Man muss sich nur Ehud Barak ansehen, unseren Verteidigungsminister. Selbst er, ein hoch dekorierter Kriegsheld, hat kalte Füße bekommen, als er sich mit den Siedlern anlegen sollte. Statt jeder Fliege nachzujagen, müssen wir den Sumpf trockenlegen. Ein Rohrbomben-Anschlag ist ein vergleichsweise kleines Problem. Ein Symptom, nichts weiter.

Interview: Inge Günther

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