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Israel Die tägliche Angst vor dem Morgen

Israels Oberstes Gericht stuft ein Beduinendorf und eine israelische Siedlung als illegal ein und ordnet den Abriss an. FR-Korrespondentin Anja Reich hat die Menschen dort besucht.

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Die Bewohner der Siedlung Netiv Haa’vot haben sich rund um das Gemeinschaftshaus versammelt. Foto: Jonas Opperskalski/Laif (Extern)

170 Schüler zwischen sechs und 14 Jahren lernen hier. Jetzt sind Ferien, die Schüler kommen trotzdem, zum Sommercamp. Eid Khamis steht auf dem Schulhof, in Hose und Hemd, die Haut braun gebrannt, unter der Nase ein Schnauzer. Er ist 51 Jahre alt und in dem Dorf geboren wie seine sieben Kinder. Die beiden jüngsten sind hier auf die Schule gegangen, die anderen mussten bis nach Jericho laufen, 17 Kilometer, jeden Tag. Fünf Kinder aus dem Dorf starben auf dem Schulweg bei Verkehrsunfällen. Eid Khamis spricht nicht besonders gut Englisch, aber die Geschichte der Reifenschule erzählt er fast fließend, so oft hat er sie Journalisten, Politikern und Menschenrechtlern erzählt.

Sogar Martin Schulz war hier, als er noch EU-Präsident war. Und auch heute zum Protesttag sind wieder alle da. Sie parken mit ihren Autos auf dem staubigen Platz in der Mitte des Dorfes, verteilen Petitionen, schütteln dem palästinensischen Bildungsminister die Hand. Die israelische Zivilbehörde hat den Beduinen ein neues Zuhause angeboten, in Abu Dis, einer palästinensischen Stadt an der Mauer von Jerusalem. Jede Familie soll 250 Quadratmeter Bauland bekommen, mit Wasser, Strom, Kanalisation. Die Beduinen lehnen das Angebot ab, sie sagen, in dem neuen Dorf sei nicht genug Platz, um die Tiere weiden zu lassen. Außerdem liege es direkt neben einer Müllkippe.

Stimmung in Khan Al-Ahmar ist angespannt

Die Stimmung in Khan Al-Ahmar ist angespannt. Neulich wurden bei Protesten vier Menschen verletzt. Die Armee stellte in Sichtweite des Dorfes Radlader ab, mit denen die Häuser abgerissen werden sollen. Die Polizei sperrte das Dorf ab, selbst EU-Diplomaten, die mit ihrem Besuch die Beduinen unterstützen wollten, wurden abgewiesen. Vorangetrieben wurde die Klage gegen das Dorf von den benachbarten Siedlern aus Kfar Adumim, die ihre Siedlung erweitern wollen.

Umso größer war die Überraschung, als die Beduinen neulich Besuch bekamen, von ihren Nachbarn. 15 Siedler boten ihnen ihre Unterstützung an und setzten eine Petition gegen den Abriss des Dorfes auf. Sallai Meridor, ehemaliger US-Botschafter und ebenfalls Siedler in Kfar Adumim, twitterte, es breche ihm das Herz, mitansehen zu müssen, wie Menschen vertrieben werden, die vor ihnen, den Siedlern, hier waren. „Was ist mit uns passiert? Warum lassen wir das zu?“

Auch in Netiv Haa’vot, der Siedlung bei Bethlehem, gibt es einen Überraschungsbesuch. Der Kinderchor hat die Bühne verlassen, als ein Mann im Anzug erscheint. Bildungsminister Naftali Bennett. Leute klatschen, pfeifen, unsicher, was der Auftritt bedeutet. Naftali Bennett ist Vorsitzender der Siedlerpartei „Jüdisches Heim“, aber unternimmt nichts gegen den Abriss der Häuser. Bennett sagt, dies sei ein schwarzer Tag für den Ort, für Israel. Er nennt den Abriss illegal und absurd und verspricht, Netiv Haa’vot um 350 Häuser zu erweitern. Genau hier, auf diesem Berg. Joop Watermans Tochter wird sich bald ein neues Haus bauen können, noch schöner, noch größer als das alte.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Israel

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