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Israel Die gestohlenen Kinder

Israels Regierung untersucht das Verschwinden Tausender junger Einwanderer nach 1948. Handelte es sich um ein systematisches Vorgehen der Behörden?

Israel braucht Kinder; das gehört zu seinem Gründungsmythos. Das ukrainische Einwanderermädchen ist hochwillkommen. Foto: imago/UPI Photo

Die Affäre um das Verschwinden von mehr als 1000 Kindern jüdischer Einwandererfamilien aus dem Jemen geht zurück auf Israels Gründerjahre. Und sie ist bis heute eine offene Wunde in der Selbstwahrnehmung der Israelis, die nicht heilen will. Denn zu viele Anhaltspunkte stärken den Verdacht, dass damals Babys jemenitischer Eltern – den ärmsten unter den orientalischen Immigranten – einfach weggenommen wurden, um sie zur Adoption freizugeben. Oft an Holocaust-Überlebende, die ihre Angehörige verloren hatten und sich sehnlichst ein Kind wünschten.

Drei staatliche Untersuchungsausschüsse haben sich seit den 60er Jahren damit befasst. Heraus kam wenig. Auch die jüngste Kommission, die zwischen 1995 und 2001 Unmengen an Archivmaterial sichtete, hat kaum Licht ins Dunkel bringen können. Quälende Fragen bleiben, vor allem die Eine: Handelte es sich seinerzeit um ein systematisches Vorgehen von Behörden, die jemenitische Kleinkinder absichtlich als vermisst oder verstorben deklarierten, womöglich gar mit Billigung von „ganz oben“?

Was wusste Ben-Gurion?

Soweit geht Kabinettsmitglied Tsahi Hanegbi nicht, der derzeit im Auftrag von Premier Benjamin Netanjahu die in der Sache gesammelten Dokumente, insgesamt 1,5 Millionen Seiten, erneut durchforstet. Ob und was die politische Führung von Staatsgründer David Ben-Gurion wirklich wusste, „werden wir vielleicht nie erfahren“, mutmaßt Hanegbi. In den Papieren habe sich dazu nichts finden lassen. Allerdings ist er davon überzeugt, dass „Hunderte Kinder vorsätzlich gestohlen wurden“. Vertreter der jemenitischen Gemeinde jedenfalls werten schon dies als historisches Eingeständnis. Erstmals habe ein israelischer Minister klare Position bezogen, meint Jigal Josef, dessen jüngere Schwester 1953 spurlos verschwand. „Bislang wurden unsere Vorwürfe als Fantastereien hingestellt.“

Fakt ist, dass in Israel zwischen 1948 und 1954 mindestens 1500, vielleicht bis zu 5000 Kinder, meist jemenitischen Ursprungs, als vermisst gemeldet wurden. 50 000 aus Jemen ohne jede Habe ausgewanderte Juden kamen damals in notdürftigen Transitlagern unter. Die europäisch geprägte Elite des Landes betrachtete die sprach- und schreibunkundigen Neuankömmlinge als rückständig. Vorfälle häuften sich, in denen ihre Kinder wegen Durchfalls oder Unterernährung ins Krankenhaus geschickt wurden, aber nie zurückkehrten. Die Eltern erhielten oft nur einen Bescheid, ihre Jüngsten seien gestorben und sofort bestattet worden. Vielfach gab es nicht mal einen Totenschein.

Jael Tsadok, Mitglied des Forums für Familien gekidnappter Kinder, berichtet von 40 Babys, die aus dem Transitlager in Atlit geholt wurden, um sie in Jerusalem zu impfen. Alle verschwanden. Auch deute eine richterliche Aussage aus jener Zeit auf fiktive Adoptionspapiere ohne erforderliche Vollmachten. In der Säuglingsabteilung eines Camps wiederum hätten drei Jiddisch sprechende Leute an einem Abend, als die Mütter nach Hause gegangen seien, sich deren Kinder aus den Krippen gegriffen und sich mit ihnen aus dem Staub gemacht. Es sei doch offenkundig, empörte sich Jael Tsadok in einem Gastbeitrag in der Zeitung „Haaretz“, „dass da etwas zum Himmel stinkt“.

„Geh’ zurück in den Jemen!“

Aufklärung gab es nur in den seltensten Fällen und auch nur Jahrzehnte später. Zu den Ausnahmen zählt Tsila Levin, die 1997 anhand eines Gentestes ihre leibliche Mutter, Margalit Amosi, fand. Tsila war 1948 von einem Vormundschaftsgericht der Obhut eines kinderlosen Paares anvertraut worden. Amosi erfuhr damals nur von einer Krankenschwester, dass ihre neugeborene Tochter eben „verschwunden“ sei. Als sie verzweifelt bei der Polizei nach ihr forschte, wurde ihr schroff bedeutet, sie solle doch zurück in den Jemen gehen.

Hat es im jungen Staat Israel tatsächlich organisierten Kinderhandel gegeben, wie orientalische Juden vermuten? Restlos bewiesen ist nichts, aber der Dünkel der europäischen Aschkenasen, die glaubten, für eine bessere Erziehung sorgen zu können, wäre zumindest ein Motiv. „Man hat uns so viele Jahre belogen“, sagt Jael Tsadok. Nur wenn Netanjahu es wirklich ernst sei mit seinem Versprechen, die Wahrheit zutage zu fördern, könne am Ende auch ein Vergeben folgen.

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