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Island Ein Clown macht Ernst

Die Isländer lachten, als ihr beliebtester Komiker Jón Gnarr vor einem halben Jahr verkündete, in die Politik zu gehen. Die etablierten Politiker lachten mit. Doch jetzt macht der Clown ernst. Von Hannes Gamillscheg

Ein Clown macht ersnst: Islands beliebtester Komiker geht in die Politik. Foto: dpa

Er verspricht freie Handtücher bei allen warmen Quellen und einen Eisbären für den Tierpark, damit nicht die Kugelhöhle im Ikea-Kaufhaus die größte Kinderattraktion Reykjaviks bleibt. Er gelobt "offene Korruption" statt der versteckten und sagt, er habe sich lange nach "Macht und gutem Gehalt" gesehnt, und dies sei am einfachsten zu bekommen, wenn man sich wählen lasse. Die Isländer lachten, als ihr beliebtester Komiker Jón Gnarr vor einem halben Jahr verkündete, in die Politik zu gehen und mit seiner "Besten Partei" bei den Kommunalwahlen anzutreten. Die etablierten Politiker lachten mit.

Jetzt, vor den Wahlen am Samstag, ist ihnen das Lachen vergangen. Gnarrs "Besti flokkurin" darf laut Umfragen mit 44 Prozent der Stimmen und acht der fünfzehn Rathaussitze in Reykjavik rechnen und könnte demnach mit ihrer aus Musikern, Schauspielern, Comic-Zeichnern und anderen Prominenten zusammengesetzten Liste allein regieren. Auch bei der Frage nach dem Bürgermeisterfavoriten hat Gnarr mittlerweile die hoch angesehene Amtsinhaberin überflügelt.

Ein "Stinkefinger für die Etablierten" sei Gnarrs Partei, sagen Politologen. Der große Zuspruch spiegele das "tiefe Misstrauen in die Politiker" wider. Gnarr nennt die übrigen Parteien "Hausbesetzer öffentlicher Gebäude" und deren Vertreter "plappernde Idioten, die in den Zoo gehörten" - und die halbe Bevölkerung klatscht Beifall.

Gnarr, 1967 als Jón Gunnar Kristinsson geboren, ist ein enorm populärer Künstler. Bekannt wurde er als Bassist der Punkrockband Nefrennsli (rinnende Nasen), er hat in zahllosen Filmen, Sitcoms und Talkshows mitgewirkt, schreibt Prosa und Lyrik. Gnarr hat eingeräumt, dass er den Weg in die Politik nicht aus Eigennutz wählte, sondern weil ihn die Misswirtschaft ebenso frustrierte wie viele seiner Landsleute, und neben Spaßvorschlägen hat er auch ernstzunehmende Themen auf seiner Forderungsliste: Teilnahme der Arbeitslosen an Projekten zur Verschönerung der Stadt oder mehr Platz für Ältere, "damit sie nicht an Tristesse sterben".

Reykjaviks Defizit von 16000 Euro pro Einwohner will er (ernst gemeint) durch "Sparen" abbauen, "wie das isländische Mütter seit Jahrhunderten taten, ohne eklig zu ihren Kindern zu sein". Oder (nicht ernst gemeint) durch ein Hochsicherheitsgefängnis, in dem gegen Bezahlung Terroristen aus aller Welt eingekerkert werden könnten.

Nach den Wahlen ist Gnarr zur Zusammenarbeit mit allen bereit - außer mit Leuten, die die TV-Polizeiserie "The Wire" nicht mochten. Bei solchen Banausen sei jede Hoffnung verloren.

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