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Islamismus "Wir geben keinen auf"

Thomas Mücke spricht im Interview über sein „Violence Prevention Network“. Das Berliner Projekt zeigt: Gegen Islamismus helfen Sozialarbeiter, die die gefährdeten Jugendlichen verstehen.

Soziale Arbeit mit Jugendlichen in den Gefängnissen kann ihre Radikalisierung verhindern. Foto: picture alliance / dpa

Seit Jahren halten die Sozialarbeiter des Vereins „Violence Prevention Network“ muslimische Jugendliche davon ab, sich zu Extremisten zu wandeln. Das Projekt ist nach Darstellung des Vereins erfolgreich, dennoch ließen einige Bundesländer die Förderung der Präventionsarbeit Ende 2014 auslaufen. Thomas Mücke, Geschäftsführer des Berliner Vereins, ist überzeugt, dass die Politiker ihre Entscheidung überdenken werden.

Herr Mücke, wie verhindert man, dass ein türkischstämmiger Kleinkrimineller im Gefängnis zu einem Islamisten wird?
Durch Prävention, dabei gibt es zwei Ansatzpunkte: Zum einen sind diese jungen Menschen in der Regel religiös wenig gebildet, da kann es schnell passieren, dass sie sogenannte Dschihad-Konvertiten werden. Sie treffen in der Haft auf Leute, die ihnen was vom Islam erzählen. Mit der eigentlichen Religion hat das aber wenig zu tun. Religiöse Grundkenntnisse sind also schon einmal eine ganz gute Grundimpfung. Die Jugendlichen sind zudem orientierungslos, haben einen gescheiterten Lebenslauf, keine Identität und ein hohes Aggressionspotenzial. Man muss sie stärken und davor schützen, auf die einfachen Antworten der Extremisten reinzufallen.

Und nach ihrer Entlassung stehen sie dann wieder alleine da?
Nein. Es ist ganz wichtig, dass man nicht nur im Vollzug mit ihnen arbeitet, sondern auch wenn sie entlassen sind. Denn die Szene wird sie ansprechen, wenn sie wieder in Freiheit sind. Man muss sie also weiter stabilisieren, dass sie nicht rückfällig werden. Klar ist, dass kurzzeitpädagogische Maßnahmen nichts bringen. Wir müssen uns Zeit nehmen, mit den Jugendlichen zu arbeiten, und bereit sein, ihre Ideologie auch zu diskutieren. Deradikalisierung geht nicht von heute auf morgen.

Wie schaffen es Ihre Kollegen, dass die Jugendlichen sie überhaupt ernst nehmen?
Sie müssen wissen, wie mit jungen Menschen umzugehen ist, die in schwierigen Lebensverläufen sind. Auf keinen Fall dürfen sie belehrend rüberkommen oder missionierend. Sie sollten den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen. Eine muslimische Identität ist ein Türöffner, weil es vonseiten der Jugendlichen ein großes Misstrauen gegenüber der gesamten Gesellschaft gibt. Und dann müssen sie sich natürlich in extremistischen Szenen auskennen und eine Ahnung haben, wie dort die Diskussionsprozesse verlaufen. Die persönliche Haltung ist auch wichtig. Die Jugendlichen haben alle abgebrochene Beziehungen, sie müssen das Gefühl haben, dass man sich wirklich für sie interessiert.

Was ist mit den überzeugten Salafisten, erreichen Sie die noch?
Wir arbeiten ja mit jungen Männern zwischen 14 und 21 Jahren. Da gilt das Prinzip, dass wir keinen aufgeben. In dem Alter hat man noch kein geschlossenes Weltbild. Man muss schauen, an welcher Stelle man die Jugendlichen öffnen kann.

Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote?
Ein gutes Indiz ist schon mal, dass 95 Prozent der von uns Betreuten nach der Haft das von uns angebotene Stabilisierungscoaching wollen, das ist rein freiwillig. Wir haben außerdem alle unsere Teilnehmer durch das Bundeszentralregister laufen lassen. Die Wiederinhaftierungsquote für eine Gewalttat liegt bei 41,5 Prozent, bei unseren Teilnehmern liegt sie bei 13,3 Prozent. Klar ist damit aber auch, es schaffen nicht alle. Wobei wir beim Stabilisierungscoaching beobachten, dass wir fast alle aus dem extremistischen Milieu raushalten können.

Fatalerweise sind in einigen Bundesländern die Programm 2014 ausgelaufen.
Ich bin zuversichtlich, dass wir da in den nächsten Wochen eine Lösung finden werden. Der Strafverfolgungsdruck wird zunehmen, das heißt, es werden mehr überzeuge Neo-Salafisten in die Gefängnisse kommen. Die haben auch einen Rekrutierungsauftrag und treffen da natürlich auf den entsprechenden Resonanzboden. Es kann nicht sein, dass ein Extremist in den Knast kommt und mehrere wieder rauskommen. Das wird man politisch sicher verhindern wollen. In dem Zusammenhang müssen wir uns, glaube ich, auch mehr Gedanken über muslimische Gefangenenseelsorge machen.

Interview: Mira Gajevic

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