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Islam In China sind Imaminnen Alltag

Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin erhält derzeit viel Aufmerksamkeit wegen der toleranten Deutung des Islam. In China lebt die Minderheit der Hui seit Jahrhunderten eine liberale Auslegung.

China
Imamin Zhao E lehrt in der Frauen-Moschee in Kaifeng: „Wir sind ein positives Beispiel“. Foto: Finn Mayer-Kuckuk

Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee im Berliner Stadtteil Moabit erhält derzeit viel Aufmerksamkeit als Vorzeigeprojekt einer toleranten Deutung des Islam. Frauen beten zusammen mit Männern in einem Raum, Verschleierung ist verboten, doch vor allem: der Imam ist eine Frau.

In China wäre so eine Moschee nichts Besonderes. Die Bevölkerungsgruppe der Hui praktiziert seit Jahrhunderten eine vergleichsweise lockere Form des Islam. Sie hat sich den Werten der chinesischen Mehrheitsgesellschaft angepasst. Die Kultur der Hui basiert auf Toleranz und Flexibilität. Forscher sehen hier Hinweise auf alternative Formen der Religionsausübung, die einen Weg aus dem Dilemma der Integration muslimisch geprägter Bevölkerungsteile weisen.

Die traditionell konfuzianische Gesellschaft hat Frauen zwar dem Mann untergeordnet, doch hat ihnen Zugang zum öffentlichen Leben und zur Bildung gegeben. Die zwei dominierenden Religionen, der Daoismus und der Buddhismus, weisen Frauen eine vergleichsweise starke Rolle zu. Sie legen ihnen nur wenige Beschränkungen auf. An dieses Umfeld hat sich der Islam der Hui angepasst.

Im Laufe der Zeit haben die Frauen der Hui sich in diesem Rahmen ihren eigenen geistigen Raum erobert – und das männliche Monopol auf die Auslegung des Koran gebrochen. „Ich sehe mich als Hüterin einer wichtigen Tradition“, sagt Zhao E, Imamin der Wangjia-Hutong-Moschee in der zentralchinesischen Stadt Kaifeng. „Wir Frauen sind gleich viel wert, und das spiegelt sich auch in unseren Institutionen wider.“ Dazu gehört auch: Die Frauen haben ihre eigenen Imame und Moscheen.

Die Errichtung eigener Gebetshäuser scheint zunächst eher auf eine besonders strenge Trennung der Geschlechter hinzudeuten, doch sie stärkt aus Sicht von Zhao die Frauen. Die eigene Moschee biete geistige Entfaltungsfreiheit. Sie sind auch der Raum für die Islamschulen für Mädchen und junge Frauen, die hier unter Zhaos Anleitung lernen, den Koran zu lesen. „Wir erfahren mehr Respekt und Selbstachtung dadurch, dass wir eigene religiösen Schulen betreiben.“

Es gibt in China knapp über zehn Millionen Hui. Sie stellen damit die drittgrößte ethnische Minderheit des Landes. Um das 7. Jahrhundert herum sind sie in die Gegend von Kaifeng eingewandert. Spätestens im 12. Jahrhundert galten sie als gut integrierter Teil der chinesischen Bevölkerung.

Im frühen 17. Jahrhundert begann unter den Schriftgelehrten der Hui eine Reformbewegung, die schließlich die Frauen-Moscheen hervorgebracht hat.

„Die religiöse Ausbildung der Frauen wurde immer wichtiger“, sagt Religionswissenschaftlerin Shui Jingjun, die im Auftrag der Akademie für Sozialwissenschaften der Provinz Henan die Rolle der Frau im chinesischen Islam erforscht hat. Es entstanden eigene Mädchenschulen.

Anfang des 18. Jahrhunderts sind Shui zufolge die ersten weiblichen Imame historisch belegt. Die Wangjia-Hutong-Moschee, an der Imamin Zhao lehrt, stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert und ist damit eine der ältesten ihrer Art in China. Ihre goldene Zeit hatten die Frauen-Moscheen in den 20er-Jahren, als die junge Republik die Gleichberechtigung der Frau auf ganzer Linie gefördert hat.

Nach der Kommunistischen Revolution gab es jedoch zunächst einen Rückschlag. Nicht, weil die neuen Machthaber gegen die Gleichberechtigung der Frau gewesen seien. „Sondern weil die junge Volksrepublik auf breiter Front die Religion unterdrückt haben“, sagt Shui. Erst seit Beginn der Öffnungspolitik Ende der 70er-Jahre war religiöse Betätigung wieder erlaubt. Zumindest in Zentralchina, also in der Gegend um Kaifeng, gründeten sich die Frauen-Moscheen neu. Heute gibt es dort schätzungsweise 100 weibliche Imame. In anderen Gegenden ist die Tradition weitgehend abgeschafft.

Derzeit drohen erneut Schwierigkeiten. Mit zunehmender Internationalisierung gewinnen die großen Strömungen des Islam in China an Einfluss. Viele prächtige neue Moscheen entstehen mit großzügigen Spenden aus dem arabischen Raum – was natürlich auch mit einem stärkeren Austausch von Gelehrten und Predigern verbunden ist.

Nachdem die Hui jahrhundertelang ihre eigene Interpretation des Koran entwickelt haben, vergleichen die männlichen Imame sich zunehmend mit ihren Kollegen in den Ländern des Nahen Ostens.

Das zeigt sich in der Einstellung des Imams der benachbarten Männer-Moschee in Kaifeng. „Wir dulden die Religionsschulen für Frauen“, sagt Han Changcheng. „Aber heißen wir sie so richtig gut?“ Es kommt ihm nicht über die Lippen, die Einrichtung von Imamin Zhao eine „Moschee“ zu nennen.

Die Frauen der Hui lassen sich jedoch nicht leicht einschüchtern. „Wir sind hier nicht in Saudi-Arabien!“, sagt Frau Ding, 70 Jahre, Rentnerin, die zum Mittagsgebet in die Wangjia-Hutong-Moschee gekommen ist. „In unserer Gesellschaft kann man Frauen nicht zu Hause einsperren.“

In anderen muslimischen Ländern würden die Frauen ihr Leben zu Hause verbringen und nur ihren Mann und ihre Kinder treffen. „Das ist hier doch undenkbar, wir arbeiten doch alle, weil die Familienkasse sonst nicht stimmt.“ In einer modernen Gesellschaft sei es völlig antiquiert, Frauen auf den Haushalt beschränken zu wollen.

Imamin Zhao hofft, dass diese Einstellung ansteckend wirkt. „Wir wollen andere muslimische Gemeinschaften inspirieren“, sagt die 56-Jährige. „Wir sind ein positives Beispiel für alle unsere muslimischen Schwestern.“ Zhao sagt das auf dem Weg zum Gebetsraum, wo sie den religiöse Zusammenkunft leitet. Heute sind rund 20 Frauen gekommen.

Die Frauen-Moscheen erhalten Unterstützung der Behörden. „Ihr Erhalt passt zu den gegenwärtigen Politikzielen der Kommunistischen Partei“, sagt Maria Jaschok, Religionswissenschaftlerin an der Universität Oxford und Autorin eines Buches über Frauen-Moscheen in China. Peking wolle verhindern, dass der Einfluss des radikalen Islams sich in China ausbreite. Deshalb seien es gerade die formal atheistischen Kommunisten, die den liberalen Islam der Hui nach Kräften unterstützen. Außerdem gehört die Gleichstellung der Frau zu den Vorzeigeprojekten des chinesischen Kommunismus.

Der Vorteil einer Frauen-Moschee sei in diesem Zusammenhang enorm, sagt Frau Ding. „In einer Männer-Moschee mit Frauen-Ecke werden wir doch untergebuttert.“ In der Wangjia-Hutong-Moschee können „wir über die Dinge plaudern, die uns betreffen.“ Einer Imamin vertraue sie allemal mehr als einem Imam.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier China

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