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Irak-Protokolle auf Wikileaks Die Details des Krieges

Die von Wikileaks veröffentlichten Irak-Protokolle kann seit Samstag jeder im Internet lesen. Die Fülle der Informationen zeigt vor allem, wie brutal der Krieg die einfachen Menschen getroffen hat.

24.10.2010 20:30
Barbara Klimke und Dietmar Ostermann
Frühes Opfer: Schon 2003 wurde dieser Mann bei einem Luftangriff der US-Armee getötet. Foto: Damir Sagolj /rtr

Die von Wikileaks veröffentlichten Irak-Protokolle kann seit Samstag jeder im Internet lesen. Die Fülle der Informationen zeigt vor allem, wie brutal der Krieg die einfachen Menschen getroffen hat.

Irak, März 2006: Ein Mann kniet auf dem Boden, die Hände hinterm Rücken gefesselt, die Augen verbunden, eine Jacke über dem Kopf. Ein irakischer Soldat tritt ihm mit der Stiefelsohle in den Nacken. Mindestens drei US-Soldaten beobachten die Misshandlungen. Sie melden den Vorfall. Er wird auf Glaubwürdigkeit geprüft – und zu den Akten gelegt: „Keine Untersuchung notwendig“, heißt es abschließend im Bericht.

Gemessen an den bereits bekannten Folterskandalen ist der Vorfall nicht sonderlich schlimm. Doch in den 391.832 Geheimdokumenten, die die Internetplattform Wikileaks am Samstag veröffentlichte, finden sich weitere Belege für einen brisanten Vorwurf: Die USA sollen von schweren Misshandlungen durch irakische Polizisten und Soldaten gewusst haben – aber den Hinweisen oftmals nicht nachgegangen sein.

Die Geschichte des Irak-Krieges muss nach der Veröffentlichung wohl nicht neu geschrieben werden – so schätzen es zumindest die Medien ein, denen Wikileaks schon vor zehn Wochen die Dokumente zuspielte. Die Skandale des Irak-Kriegs sind hinlänglich dokumentiert: Wie Blackwater-Mitarbeiter Zivilisten töteten. Wie sich US-Firmen mit guten Beziehungen zur Bush-Regierung als Kriegsgewinnler die Taschen füllten. Wie US-Soldaten im Gefängnis Abu Ghraib Gefangene folterten, vergewaltigten und ermordeten.

USA: Die Veröffentlichung ist Geschenk an Terroristen

Trotzdem kommt die Veröffentlichung den USA ziemlich ungelegen. Sie wirft schließlich die Frage auf, wie diese Unmenge an Daten aus dem Pentagon heraus geholt werden konnte. Die Regierung reagiert entsprechend: Generalstabschef Mike Mullen erklärt, die „unverantwortliche Veröffentlichung gestohlener geheimer Dokumente gefährdet Leben und gibt Feinden wertvolle Informationen“. Pentagonsprecher Geoff Morrell nennt die Veröffentlichung „ein Geschenk an terroristische Organisationen“. Außenministerin Hillary Clinton sagt, es sei strengstens zu verurteilen, wenn durch solche Enthüllungen das Leben von Soldaten und Zivilisten gefährdet werde.

Die Veröffentlichung der Irak-Dokumente wird den schwelenden Streit zwischen der Supermacht und Wikileaks vermutlich weiter anheizen. Schon nach der Veröffentlichung von rund 70.000 Afghanistan-Dokumenten vor drei Monaten hatten die USA schwere Vorwürfe gegen die Organisation erhoben. Wikileaks-Gründer Julian Assange fühlt sich seit langem von US-Diensten verfolgt.

Laut der New York Times prüfen das Justiz- und Verteidigungsministerium in Washington, ob Assange gegen das Spionagegesetz von 1917 verstoßen habe. Die US-Regierung forderte Wikileaks wiederholt auf, alle Geheimunterlagen „zurückzugeben“, keine weiteren Materialien zu veröffentlichen und alle Versuche einzustellen, weitere Geheimpapiere zu erhalten. Der 22-jährige US-Gefreite Bradley Manning, der Wikileaks die Dokumente über die Kriege in Afghanistan und dem Irak zugespielt haben soll, sitzt in Virginia in Untersuchungshaft. Wikileaks lehnt die US-Forderungen ab, hat aber in den Irak-Dokumenten zahlreiche Passagen geschwärzt, darunter Namen von Informanten und einige Ortsangaben.

Am Samstag hatte Assange die Weltpresse nach London einbestellt. Im unterirdischen Konferenzraum eines Hotels, zwischen dem Parlament von Westminster und der britischen Geheimdienstzentrale gelegen, stellt er die umfangreichste Enthüllung in der US-Militärgeschichte vor. Sein Comeback gibt er mit Krawatte. Die üblichen Jeans hat er gegen einen Anzug getauscht. Die weiß-blonden Haare hat er dunkler getönt. Und er kommt nicht allein: Moralisch unterstützt ihn Daniel Ellsberg. Der ehemalige US-Beamte spielte 1971 die Pentagon-Papers, eine geheime Einschätzung der US-Regierung über den Vietnamkrieg, an die Medien. Als bekanntwurde, dass er die Quelle war, wurde er als der gefährlichste Mann Amerikas bezeichnet. Jetzt sagt er: „Julian Assange ist der gefährlichste Mann der Welt.“

Assange sagt: „Das erste Opfer eines Krieges ist immer die Wahrheit. Wir hoffen, dass einige dieser Angriffe auf die Wahrheit korrigieren können.“ Er verteidigt sich gegen Unterstellungen der USA und Großbritannien, dass die Veröffentlichung der anonymisierten und bearbeiteten Geheimberichte das Leben von alliierter Soldaten oder Irakern gefährde. Vielmehr würden sie die „menschliche Dimension“ der Invasion und ihrer Folgen zeigen.

Rund 15.000 mehr zivile Opfer als bisher bekannt

Für John Sloboda von der Vereinigung Iraq Body Count (IBC) – einer der Experten, die Assange zur inhaltlichen Unterstützung mitgebracht hat, sind es vor allem die „kleinen, erbarmungslosen Tragödien des Konflikts“, von denen dieses Logbuch des Kriegs erzählt. Das „tägliche Töten“, das jahrelang anhielt, hatte nach Ansicht der Organisation nach einen „kaum zu kalkulierenden Einfluss auf die normalen Menschen“. Bisher wurden 760 Berichte im Detail analysiert und 113 bislang nicht bekannte Opfer gefunden.

Rund 15.000 mehr zivile Opfer als bisher bekannt wird der Krieg nach Schätzungen Slobodas wohl gefordert haben. Mit Hilfe der US-Daten kann IBC nun auch bekannte Fakten ergänzen – etwa die Zahl der Toten in einem Massengrab. Das sei wichtig für die Angehörigen, aber auch entscheidend für die Rekonstruktion eines Tathergangs, sagt Sloboda. „Dass die US-Stellen diese Daten notierten, war gut. Falsch war, dass sie sie geheimgehalten haben.“

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