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Irak Es zieht der nächste Krieg herauf

Der „Islamische Staat“ ist so gut wie besiegt, da entladen sich die nächsten Spannungen: Bagdad reagiert militärisch auf das Unabhängigkeitsreferendum im Kurdengebiet des Irak.

Kirkuk
Irakische Soldaten nehmen ein Ölfeld in der Nähe von Kirkuk ein. Foto: afp

Während der „Islamische Staat“ im Irak so gut wie besiegt ist, zieht im Zweistromland der nächste Krieg herauf. Am Montag entluden sich die Spannungen zwischen dem Nordirak und der Zentralregierung in Bagdad, die durch das Unabhängigkeitsreferendum der Kurden ausgelöst wurden, in einer ersten militärischen Konfrontation. Spezialtruppen der irakischen Armee, unterstützt von Einheiten der Bundespolizei sowie schiitischen Milizen, rückten in die Stadt Kirkuk ein. Sie besetzten die zentrale Militärbasis der kurdischen Peschmerga, den Militärflughafen, mehrere Industriegebiete, die Zentrale der Ölgesellschaft sowie das Baba-Gargar-Ölfeld, eines der sechs von beiden Kontrahenten beanspruchten Förderareale.

Man habe mit einer „größeren Operation im Stadtgebiet“ begonnen, hieß es dazu in Bagdad, wolle aber nicht in den Wohnvierteln operieren. Bei Feuergefechten am Stadtrand wurden nach ersten Angaben mindestens ein Dutzend kurdische Kämpfer getötet. Die Peschmerga zogen sich daraufhin in das Zentrum zurück, während Tausende Kurden in Autos und Bussen in die 100 Kilometer entfernte Provinzmetropole Erbil flohen. Arabische Bewohner dagegen liefen den irakischen Soldaten entgegen und bejubelten sie.

Premierminister Haidar al-Abadi verkündete per Twitter, er wolle die Sicherheit in Kirkuk zusammen mit den Bewohnern und den kurdischen Kräften herstellen. Seine Truppen wies er an, Zusammenstöße mit den Peschmerga zu vermeiden und die Bürger zu schützen. Der Regierungschef unterstrich, er erfülle seine Verpflichtungen aus der Verfassung, indem er die Einheit des Landes verteidige. Stunden zuvor hatte der irakische Sicherheitsrat den Kurden vorgeworfen, unter seinen Kämpfern in Kirkuk befänden sich auch Angehörige der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Dies sei eine „Kriegserklärung“.

Verbündete gegen den IS

Beide Kontrahenten sind Verbündete der USA im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ und verfügen über Waffen aus amerikanischen und europäischen Beständen. Man beobachte die Lage genau und sei „sehr besorgt über Berichte von einer Konfrontation“, hieß es aus dem Pentagon in Washington. Man sei mit allen Seiten im Gespräch, um die Situation zu entschärfen.

Bagdad hatte das überwältigend positive Unabhängigkeitsreferendum der nordirakischen Kurden vom 25. September für illegal und verfassungswidrig erklärt. Mit ihrem Veto weiß sich die irakische Führung einig mit den regionalen Nachbarn Teheran und Ankara.

Auch die USA und Europa übten heftige Kritik an dem Vorgehen der Kurden. Das Weiße Haus befürchtet, die Kämpfe unter seinen Verbündeten könnten die Offensive gegen den IS ausgerechnet jetzt beeinträchtigen, wo die Terrormiliz kurz vor ihrem Ende steht.

Die Türkei und der Iran befürchten Unruhen ihrer kurdischen Minderheiten und schlossen vorübergehend die Grenzen zum Nordirak.

Bagdad sperrte die beiden kurdischen Flughäfen Erbil und Sulaimaniya für den internationalen Luftverkehr, so dass die Region momentan weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten ist.

Der kurdische Regionalpräsident Massud Barsani gab am Montag seinen Streitkräften grünes Licht, im Falle eines Angriffes mit allen Mitteln zurückzuschlagen. Man wolle keinen Krieg vom Zaun brechen, erklärte sein Vizepräsident Kosrat Rasul, der die rund 9000 Peschmerga in Kirkuk kommandiert. Aber man werde sich mit hoher Motivation verteidigen und keine Angriffe auf die Stadt zulassen.

Kurden empört

Der vor einem Monat vom irakischen Parlament abgesetzte Gouverneur von Kirkuk, Najmaldin Karim, rief die Bevölkerung auf, sich zu bewaffnen und den Peschmerga zu helfen, die Stadt gegen die anrückende irakische Streitmacht zu verteidigen.

Die Kurden empört vor allem, dass sich unter den Angreifern auch die vom Iran gesteuerten schiitischen Hashd-al-Shaabi-Milizen befinden. „Das ist eine offene Kriegserklärung gegen die kurdische Nation“, wetterte das Oberkommando in Erbil.

Der Status von Kirkuk ist seit dem Sturz von Saddam Hussein 2003 umstritten und wurde nie geklärt. Die ethnisch-religiös gemischte Metropole gehört nicht zum nordirakischen Autonomiegebiet, war aber Mitte 2014 nach dem Sieg des „Islamischen Staates“ in Mosul von kurdischen Peschmerga besetzt worden. Seitdem exportiert der halbautonome Nordirak auch Rohöl aus Kirkuk auf eigene Rechnung zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Die Felder liefern mit 300 000 Barrel pro Tag gut 50 Prozent der Menge, die zuletzt von der Kurdenführung auf dem Weltmarkt verkauft wurde.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Irak

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