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Interview zum Mordanschlag in Pakistan "Ein Schritt in Richtung Anarchie"

Britta Petersen, Leiterin der Böll-Stiftung in Pakistan, spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über den Mord an dem Minister für religiöse Minderheiten Shahbaz Bhatt und die Gefahren des religiösen Faschismus.

02.03.2011 21:25
Attentäter erschossen den Minister für religiöse Minderheiten in seinem Wagen. Foto: Farooq Naeem/afp

Frau Petersen, Anfang des Jahres wurde einer der letzten großen Liberalen Pakistans, der Gouverneur Salman Taseer, von einem Elite-Polizisten getötet. Zehntausende bejubelten den Mörder. Nun wurde der christliche Minister für Minderheiten, Shahbaz Bhatti, in Islamabad erschossen. Gleitet der Atomstaat Pakistan in einen „religiösen Faschismus“ ab?

Pakistan ist eindeutig radikaler und islamistischer geworden und hat mit dem jetzigen Mord einen weiteren Schritt in Richtung vollkommene Anarchie gemacht. Die Regierung hat keine Kontrolle mehr. Innerhalb von zwei Monaten wurden zwei ihrer prominentesten Politiker erschossen, andere liberale Parteimitglieder wie Sherry Rehman sind aus Angst vor Attentaten in den Untergrund gegangen.

Eine Studie in unserem Auftrag ergab, dass mehr als 50 Prozent aller Studenten heute islamistisches Gedankengut vertreten. Wir erleben heute die Generation, die in einem Bildungssystem aufgewachsen ist, das unter dem Militärherrscher Zia ul-Haq eingerichtet wurde, der die Islamisierung forcierte. Diese Generation sitzt nun in Verwaltung, Politik und Militär.

Im Westen weckt dies die Angst, dass die Taliban demnächst die Macht und damit die Kontrolle über die Atomwaffen übernehmen könnten.

Das ist derzeit ein eher unrealistisches Szenario. Man darf nicht vergessen, dass die gesamte Kontrolle in den Händen des Militärs liegt. Eine Gefahr wäre aber, dass sich die Armee spaltet und dann die stärker werdenden, islamistischen Kräfte im Militär die Macht an sich reißen. Ich halte es aber eher für möglich, dass in den nächsten zehn Jahren islamistische Parteien bei Wahlen an die Macht gelangen. Die Jamaat Islami war bereits an der Regierung beteiligt. Außerdem findet man auch in Volksparteien wie der PML-N von Nawaz Sharif islamistische Tendenzen.

Pakistan ist derzeit offiziell das einzige muslimische Land mit Atomwaffen. Wie gefährlich wäre ein islamistisches Pakistan?

Ich glaube nicht, dass sich ein islamistisches Pakistan unbedingt gegen den Westen wenden würde – vorausgesetzt der Westen und die USA wenden sich nicht gegen Pakistan. Das hängt vor allem von Washington ab. Ein islamistisches Pakistan wäre aber für Indien ein großes Problem: Die islamistischen Parteien haben ihre Wurzeln in einer anti-kolonialistischen Bewegung, die bereits zur Zeit der Briten darauf zielte, ein Kalifat einzurichten, um die Einheit der Muslime herzustellen. Das würde auch auf Indiens muslimische Minderheit ausstrahlen. Ein islamistisches Pakistan mit Atomwaffen wäre ein ganz anderer Machtfaktor in der Region.

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Wie kann der Westen helfen, die wachsende Radikalisierung zu stoppen?

Der Westen muss die demokratischen Kräfte in Pakistan unterstützen und helfen, administrative Strukturen aufzubauen. Auch braucht Pakistan Hilfe, um die Wirtschaftskrise zu meistern. Aber der Westen muss auch seinen Blick ändern: Vor allem die Amerikaner lassen sich bisher in Südasien von kurzfristiger Eigeninteressen-Politik leiten. Sie müssen stärker die Region als Ganzes im Auge haben und auf dauerhafte Stabilität hinwirken.

Seit Jahren pumpt der Westen Geld in das Land, das einfach zu versickern scheint. Sollte man Pakistan endlich den Geldhahn zudrehen?

Die Amerikaner haben lange und vor allem unter Musharraf einfach Geld gezahlt, das in der Infrastruktur des Militärs verschwunden ist. Das löst natürlich die Probleme nicht. Die Bundesregierung macht dagegen in ihren Bereichen sinnvolle Entwicklungshilfe. Das sollte ausgebaut werden. Wichtig ist aber, dass das Geld und sein Einsatz streng kontrolliert werden.

Interview: Christine Möllhoff

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