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Interview zu Papst Benedikt XVI. "Ein von Desastern bestimmtes Pontifikat"

Der US-amerikanische Papstkenner John L. Allen über Skandale, Krisen und Kontroversen unter Benedikt XVI., der sich lieber der Theologie widmet als den irdischen Herausforderungen.

16.04.2010 00:04
Foto: privat

Herr Allen, macht Papst Benedikt seine Sache gut?

Das ist ganz extrem eine Frage der Perspektive. Für die Insider, die an den Lippen des Papstes hängen und sich an seine Fersen heften, ist Benedikt ein großer Lehrer. Der Rest der Welt aber schert sich kaum um seine klugen, fein ziselierten Enzykliken, Predigten und Reden. Da steht der Papst für eine beispiellose Serie von Skandalen, Krisen, Kontroversen und PR-Katastrophen. Und so gesehen, ist dieses Pontifikat - wie wir Amerikaner sagen - "defined by its desasters", von seinen Desastern bestimmt.

Wie nimmt sich der Papst selbst wahr?

Er möchte einer postmodernen Welt das Lehrgebäude des Christentums in einladender Weise präsentieren. Diese Agenda arbeitet er sehr systematisch ab.

Aber den besagten "Rest der Welt" scheint er damit kaum zu erreichen.

Das ist Benedikts Paradox: Wir haben es mit einem lehrenden Papst zu tun, der - wenn er Gehör finden wollte - eine Weile mit dem Lehren aufhören und stattdessen seinen Laden in Ordnung bringen müsste.

Ein Desinteresse an innerer Führung wurde schon Benedikts Vorgänger vorgeworfen.

Ein zweites Paradox! Joseph Ratzinger wurde gewählt, um mit Missständen im Vatikan aufzuräumen. Stattdessen steht er für ein Regime, in dem so ziemlich alles daneben geht, was daneben gehen kann. Verglichen mit dem Zustand heute, lief die Kurie unter Johannes Paul II. wie geschmiert.

Woran liegt das?

Benedikt hat mit Führung nichts im Sinn. Seine Zeit und seine Energie investiert er in Theologie. Was ich gar nicht für schlecht halte. Er bringt da ja durchaus Beeindruckendes zustande. Und hätte er Leute um sich geschart, die sein Führungsdefizit ausgleichen und für ihn das Kommando übernehmen könnten, wäre das ganz in Ordnung. Aber auch das ist offensichtlich nicht der Fall.

Im Missbrauchs-Skandal wirkt der Papst auf viele so, als hätte er neben dem Führungsdefizit auch ein Defizit an Empathie und menschlicher Wärme. Wie erleben Sie ihn?

Das ist - sorry! - das nächste Paradox. Es gibt in der gesamten Kirchenspitze keinen, der mehr dafür getan hätte, den Missbrauchs-Sumpf trockenzulegen, als Joseph Ratzinger.

Das ist doch jetzt nicht Ihr Ernst?

Doch, unbedingt! Er hat strenge Verfahrensregeln eingeführt zu einer Zeit, als sonst niemand so recht an das Thema Missbrauch herangehen wollte. Er hat sich als erster Papst mit Missbrauchsopfern getroffen und im Namen der Kirche persönlich um Verzeihung gebeten. Das entsprang, wie ich aus persönlichem Erleben versichern kann, einem tiefen Entsetzen über das, was er da alles zu lesen bekommen hatte.

Dann liegen jene Kritiker falsch, die dem Vatikan eine Mentalität des Wegsehens, Leugnens und Vertuschens vorwerfen?

Das war zweifellos die Unkultur der Kirche und speziell des Vatikans über Jahrzehnte. Aber Ratzinger steht für den Bruch damit. Er hätte als strahlender Held aus der ganzen Geschichte herauskommen können. Trotzdem haben Sie Recht mit Ihrer Skepsis. Seine Rolle als Aufklärer ist völlig untergegangen. Und daran sind nicht die "bösen Medien" schuld, sondern das grottenschlechte Krisenmanagement des Apparats. Und zu sagen, dem Papst seien die Opfer egal, hat nichts mit dem Joseph Ratzinger zu tun, den ich kenne.

Wer ist also der, den Sie kennen?

Einen liebenswürdigeren, höflicheren, zugewandteren und persönlich interessierteren Menschen werden Sie kaum finden. Wenn Sie das jetzt wundert, ist das wiederum ein Gradmesser für das Versagen der päpstlichen PR. Es gab die Momente, in denen die genannten Charakterzüge auch öffentlich wahrgenommen wurden: Nach seiner USA-Reise etwa gaben ihm 83 Prozent der Amerikaner gute Noten. Aber kaum saß er im Flugzeug, passierte wieder irgendein Debakel. Also noch einmal: Der Papst könnte einen guten Lauf haben, wenn er fähig wäre, im eigenen Haus aufzuräumen.

Wer es als Theologe oder Kritiker mit ihm zu tun bekommt, soll wenig Liebenswürdigkeit spüren.

In seinem Selbstbild unterscheidet er strikt zwischen Person und Sache. Gegen vermeintlich falsche oder gar gefährliche Lehren geht er so unerbittlich vor wie kein Zweiter.

Was für die Betroffenen aufs Selbe herauskommt.

Stimmt. Und trotzdem ist Ratzinger kein fieser Mensch.

Interview: Joachim Frank

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