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Interview „Wichtig für die Moral“

Der Autor und Moral-Experte Richard David Precht begrüßt Sieg der Öffentlichkeit über die Politik. Im FR-Interview erklärt er, ob unser Wertesystem wirklich ins Wanken geraten war.

01.03.2011 18:50
Richard David Precht , 46, ist Publizist. Bekannt wurde er mit philosophischen Sach-büchern.

Herr Precht, es war angesichts des Falles Guttenberg viel vom Flurschaden im Wertesystem die Rede. Welche Werte sind denn da beschädigt worden?

Es gibt ausgesprochene und manchmal unausgesprochene Anstandsregeln der Politik, die man unter anderem daran ablesen kann, aus welchen Gründen in Deutschland Minister zurücktreten mussten. Ich denke an Jürgen Möllemann, der wegen eines Empfehlungsschreibens für Plastikchips in Einkaufswagen zurückgetreten war. Und wenn jetzt ein viel gravierenderer Verstoß gegen die guten Sitten und das Recht nicht geahndet wird, dann verschiebt sich die Grenze dessen, was man für normal hält. Kanzlerin Merkels Hinweis, sie habe keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt, bedeutet also, sie beurteilt nicht mehr die ganze Person, sondern nur noch eine Einzelqualifikation. Das aber öffnet der Unmoral Tür und Tor. Angela Merkel hat damit den Versuch unternommen, eine moralische Grenze deutlich zu verschieben. Und es ist gut, dass das nicht ungeahndet geblieben ist.

Kann dieser Rücktritt nun alle Wunden heilen?

Er heilt nicht alle Wunden, aber zumindest eine. Für unsere Vorstellungen, was wir für Anstand und Moral als notwendig erachten, war dieser Rücktritt wichtig.

Die Öffentlichkeit war zuletzt sehr gespalten. Viele werden die Rücktrittsnachricht mit Genugtuung aufnehmen, nicht wenige aber auch mit Verbitterung.

Ich verstehe die Menschen, die enttäuscht sind. Aber sie sollten nicht enttäuscht darüber sein, dass die Demokratie funktioniert, sondern darüber, dass sie sich in der Person Guttenbergs getäuscht haben. Gut möglich, dass diejenigen, die ihn überführt haben, jetzt gebrandmarkt werden. Wir haben es da mit dem Nicht-Aushalten einer kognitiven Dissonanz zutun. Wenn das alte und das neue Bild nicht mehr zueinander passen, gibt man rasch dem neuen Bild die Schuld. Viele der Guttenberg-Fans werden einsehen müssen, dass sie sich in ihm getäuscht haben.

Wo bleibt das Positive? Kann man aus der Affäre etwas lernen?

Es ist der Öffentlichkeit geglückt, die Politik zu korrigieren. Kanzlerin Merkel hätte mit Blick auf die Landtagswahlen an Guttenberg festgehalten. Sie hat diese Position nun aufgegeben, weil ihr klar geworden sein muss, dass man mit Guttenberg keine Landtagswahlen mehr gewinnen kann. Sie hat dem Druck der öffentlichen Meinung nachgegeben, insbesondere dem Druck, der von der Intelligenz kam, aus den Universitäten und der Wissenschaft. Ich finde es sehr erfreulich, dass die Medien als Korrektiv der Politik funktioniert haben. Dass sich die Qualitätsmedien gegen die Boulevardmedien durchgesetzt haben, ist in diesem Zusammenhang ebenfalls bemerkenswert.

Karl-Theodor Guttenberg hat in seiner knappen Begründung von einer Verschiebung der öffentlichen Aufmerksamkeit gesprochen. Hat er damit nicht ein wenig recht?

Ich denke, er hat die Unaufrichtigkeit, die nicht nur seine wissenschaftlichen, sondern auch einige seiner politischen Taten gekennzeichnet hat, fortgesetzt. So hat er sinngemäß gesagt, er sei nicht zurückgetreten, weil die getöteten Bundeswehrsoldaten noch ein anständiges Begräbnis erhalten sollten. In einer solchen Situation mit einer solchen Ausflucht aufzuwarten, betrachte ich als große Chuzpe. Die Art und Weise, in der der Rücktritt formuliert ist, belegt noch einmal eindrucksvoll, warum er notwendig war. Das Argument einer verlagerten Aufmerksamkeit trifft meines Erachtens auch nicht zu. Es wird ja trotzdem über Libyen und Ägypten diskutiert. Das wäre doch ein merkwürdiges Verständnis von Öffentlichkeit, wenn man nur über das wichtigste, nicht aber über das zweit- und drittwichtigste Thema reden darf. Das Argument ist Teil einer demagogischen Rhetorik. Angesichts des Hungers in der Welt dürfte man zu keinem Zeitpunkt über Fußball, ja nicht einmal über Hartz IV oder Ähnliches reden.

Politik und Werte sind immer Spannungen ausgesetzt. Was ist das Besondere am Fall Guttenberg?

Das Besondere besteht darin, dass die Regierung versucht hat, sich über die bisher geltenden moralischen Standards hinwegzusetzen. Ich sehe es als positives Zeichen, dass Öffentlichkeit und Medien funktioniert haben. Sie haben erfolgreich verhindert, dass ein Prozess eingeleitet wird, der zu italienischen Verhältnissen führt. Der Tag des Guttenberg-Rücktritts ist ein großer Tag für unsere Demokratie.

Interview: Harry Nutt

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