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Interview „Sie töten die Zukunft“

Unicef-Spezialistin Juliette Touma spricht über das Sterben in Syrien. „Jeder Krieg ist irgendwann vorüber.“

Juliette Touma
Juliette Touma ist Sprecherin von UNICEF für Nahost und Nordafrika. Foto: UNICEF

Frau Touma, das UN-Kinderhilfswerk Unicef hat gestern, nach den Angriffen auf Ost-Ghuta in Syrien, über Twitter eine leere Presseerklärung veröffentlicht. Warum?
Uns sind die Worte ausgegangen, um das Leid der Kinder in Syrien zu beschreiben. Keine Worte, ganz egal wie stark sie sind, können den Kindern gerecht werden, die getötet wurden – und ihren Müttern und Vätern, ihren Familien.

Ein Arzt, der in Ost-Ghuta arbeitet, nannte die Situation dort in der britischen Zeitung „Guardian“ ein Massaker.
Ich kann die Anzahl der getöteten und der verletzten Kinder nicht bestätigen. Aber ich weiß, dass es eine Gewalteskalation gegeben hat. Nicht nur in Ost- Ghuta, auch in Orten wie Damaskus, wo es in den vergangenen 48 Stunden Bombardements mit Mörsergranaten gab. Die Eskalation in Afrin hält an. Es gibt Gewalt in Idlib und einigen ländlichen Gebieten bei Aleppo. Der Krieg in Syrien ist noch lange nicht vorbei. Und der Krieg gegen die Kinder geht ungebrochen weiter. Das neue Jahr war definitiv bislang ein sehr, sehr blutiges für die Kinder in Syrien.

Wie würden Sie die aktuelle Situation in Ost-Ghuta und Afrin beschreiben?
Syrien ist eines der gefährlichsten Länder, in denen ein Kind zurzeit aufwachsen kann. Es ist ein Land, in dem kein Ort für sie sicher ist. In Syrien wurden schon Schulen attackiert, Krankenhäuser und Wasserausgabestellen. Und dann sogar Orte wie Spielplätze und Parks. Kein Ort in Syrien ist sicher. Es ist die Hölle auf Erden. Dieser Krieg läuft schon viel zu lange. So viele Kinder sind getötet worden. Das muss aufhören. Genug ist genug.

Die leere Pressemeldung war ein Signal – aber das hilft den Kindern in Syrien auch nicht. Was kann und wird Unicef tun, um sie zu unterstützen?
Wir hoffen natürlich, dass unser Statement wirkt. Wir wollen die Kämpfer und auch die, die Einfluss auf sie haben, dazu aufrufen, auch an die Kinder zu denken. Sie müssen aufhören, Kinder zu töten. Sie müssen an die Zukunft des Landes denken, für das sie kämpfen. Denn sie töten die Zukunft dieses Landes, wenn sie Kinder töten. Außerdem brauchen wir regelmäßigen Zugang zu Orten wie Ost-Ghuta. Das ist eine Gegend, die seit mehr als vier Jahren belagert wird. Man muss uns gestatten, unseren Job als humanitäre Organisation zu machen. Die Kinder in Syrien brauchen dringend Hilfe.

Was fordern Sie von den Konfliktparteien und der internationalen Gemeinschaft?
Wir fordern, dass sie endlich aktiv werden und dem Leid dieser Kinder ein Ende setzen. Das liegt nicht in den Händen von Unicef. Es ist uns leider nicht möglich, den Krieg zu beenden. Diese Aufgabe liegt bei den Politikern und bei denen, die am Boden kämpfen. Es gibt keine militärische Lösung für diesen Krieg. Alle Parteien verlieren. Es gibt keine Gewinner. Und die größten Verlierer sind die Kinder. Die Politiker müssen zurück an den Verhandlungstisch und eine Einigung erzielen, um der Kinder in Syrien willen.

Wie sehen Sie die Chancen auf einen baldigen Frieden in Syrien?
Jeder Krieg ist irgendwann vorüber. Nichts bleibt für immer. Was wir fordern ist, dass dieser Krieg, der nun fast sieben Jahre alt ist, jetzt beendet wird. Sofort. Bis dahin müssen wir uns um die Kinder in Not kümmern. Das gilt nicht nur für Syrien, sondern auch für die Kinder, die sich in die Nachbarstaaten Syriens retten konnten. Das sind ungefähr 2,5 Millionen Kinder. Sie brauchen Erziehung, Gesundheitsversorgung und Unterschlupf. Wir reden hier über eine der größten humanitären und Entwicklungsoperationen in der Geschichte von Unicef.

Interview: Eliana Berger

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