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Interview mit US-Botschafter zu Wikileaks „Harte Tage stehen uns bevor“

US-Botschafter Murphy über die Folgen der Wikileaks-Veröffentlichungen für die deutsch-amerikanischen Beziehungen.

28.11.2010 22:51
Philip D. Murphy, Jahrgang 1957, ist seit gut einem Jahr Botschafter der USA in Deutschland. Der Harvard-Absolvent arbeitete 23 Jahre bei Goldman Sachs, bevor er 2006 in den Vorstand der Demokraten wechselte. Foto: dapd

Herr Botschafter, werden diese Veröffentlichungen den deutsch-amerikanischen Beziehungen schaden?

Mittel- und langfristig werden sie keine Bedeutung haben. Unsere Beziehung ist lang und tief genug, dass wir das überstehen. Kurzfristig stehen uns nun einige harte Tage bevor. Aber ich bin sicher, dass wir bald wieder dort sind, wo wir vor dieser Geschichte waren. Wir haben gemeinsam einfach zu viel zu tun. Unsere Agenda auf der globalen Bühne ist zu lang und zu kompliziert. Wir haben zu lange gemeinsame Geschichte.

Sie haben sich mit Bundesaußenminister Guido Westerwelle getroffen. Offenbar soll es ja kritische Bemerkungen in den Berichten über ihn gegeben haben. War es für sie ein unangenehmes Treffen?

Wir sprechen nicht über Treffen mit Vertretern der Bundesregierung. Wir fühlen uns aber geehrt ein außergewöhnliches Verhältnis mit ihm zu haben. Es ist eine sehr offene Beziehung. Er ist ein wichtiger Partner. Überhaupt ist diese Koalition einer unserer verlässlichsten Partner in der Welt. Ich habe großen Respekt für ihn.

Haben sie sich entschuldigt?

Ich werde mich nicht für die Arbeit meiner Kollegen entschuldigen. Wir haben einige der besten Mitarbeiter nicht nur im Auswärtigen Dienst überhaupt, aber vor allem hier in Berlin. Ich fühle mich geehrt mit ihnen zusammenzuarbeiten. Sie machen ihren Job. Sie sind exzellente Reporter, die jeden Tag los gehen, Informationen sammeln und die Lage einschätzen.

Entschuldigen sie sich dafür, dass die US-Regierung nicht fähig war, diese Informationen geheim zu halten?

Ja. Ich bereue das zu tiefst. Diese Gespräche und Beziehungen, die wir haben, basieren auf einem Vertrauen. Dass dieses Vertrauen verletzt wurde, ist eine Straftat. Es ist auch eine Straftat, dass Wikileaks dieses Informationen veröffentlicht.

Wie konnte das geschehen. Haben zu viele Menschen Zugang zu geheimen Informationen?

Bislang ist es uns immer gelungen, Dinge geheim zu halten. Es gibt keinen Beweis, dass dies systematisch ist. Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte.

Warum nennen Sie Wikileaks verantwortungslos?

Ganz egal, was deren Argumente für die Veröffentlichung sind, der Schaden ist enorm groß. Die Welt wird durch die Veröffentlichung unsicherer. Das ist das letzte was wir brauchen, in einer so komplizierten globalen Situation.

Wie wird sich künftig ihre Arbeit verändern?

Meine Arbeit wird sich nicht verändern. Wir werden untersuchen, wie diese Probleme entstanden sind. Aber wir werden unsere diplomatische Arbeit fortsetzen.

Was hat sich bei Ihnen persönlich gewandelt?

Die letzten Tage waren eine Herausforderung, die nächsten werden noch schlimmer werden. Aber am Ende werden wird das überstehen.

Interview: Olivia Schöller

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