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Interview mit Tino Henn "Gefährliche Propaganda"

Aids-Experte Tino Henn im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über die Linie des Vatikans, Aufklärung und Treue.

19.03.2009 00:03
Tino Henn ist Mitglied des Bundesvorstands der Deutschen Aids-Hilfe. Foto: Privat

Herr Henn, die Deutsche Aids-Hilfe sagt, dass der Papst mit seiner Haltung zu Kondomen Schuld auf sich lädt, er versündige sich an der ganzen Menschheit. Auch von Zynismus und Menschenverachtung ist die Rede. Warum so starke Worte - die Linie des Vatikans ist doch nichts Neues?

Das ist tatsächlich nichts Neues - doch sollte man wohl auch von der katholischen Kirche erwarten dürfen, dass sie allmählich im 21. Jahrhundert ankommt. Dass sie sich so gefährliche Propagandasprüche spart, wie den, dass man auf Kondome verzichten könne. Papst Benedikt XVI. hat sogar gesagt, dass Kondome das Aidsproblem in Afrika nur verschlimmern würden. Diese drastischen Worte können wir so nicht stehen lassen. Das Kondom ist immer noch das wichtigste Mittel, um sich vor dem HI-Virus zu schützen. Da sind wir in unserer Haltung kompromisslos.

Der Papst hat auch gesagt, man könne Aids "nicht bloß mit Werbeslogans überwinden". Aber gerade die Information ist doch auch wichtig, oder?

Aufklärung ist natürlich elementar - nur Kondome zu verteilen reicht nicht. Die Leute müssen auch die Infektionswege kennen, man muss mit Information gegen das Aids-Stigma angehen.

Der Papst empfiehlt Enthaltsamkeit, "persönlichen Verzicht", Treue. Ist das realistisch?

Gute Frage. Das sind Punkte, die man in die Betrachtung einbeziehen kann. Aber mehr nicht. Denn Treue ist relativ, das hat man auch in den westlichen Industriestaaten gesehen. Es kommt durchaus auch in Partnerschaften zur Ansteckung, wo man voneinander annimmt, treu zu sein.

Können Sie sich erklären, wieso der Papst trotz seiner kategorischen Ablehnung des Kondoms in Afrika überwiegend begeistert empfangen wird?

Viele Menschen hängen dort dem katholischen Glauben an - dieser kann angesichts von Armut und Instabilität auch so etwas wie ein Reservat der Unerschütterlichkeit sein. Wenn das Oberhaupt der Kirche kommt, ist das dann eben eine große Sache. Aber man sollte nicht vergessen, dass es auch in Kamerun und Südafrika durchaus Kritik an der Haltung des Papstes gegeben hat.

Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, eine moderate Stimme in der katholischen Kirche, lehnt es ab, Kondome zu tabuisieren. Er warnt aber zugleich vor ihrer Überschätzung. Inwiefern könnten Kondome überschätzt werden?

Die Frage habe ich mir auch gestellt. Ich verstehe nicht, was der Weihbischof meint. Da weiß ich nicht weiter. Für uns ist - wie für alle Organisationen, die gegen Aids kämpfen - das Kondom ein unverzichtbarer Teil unserer Arbeit.

In Afrika leben 67 Prozent der HIV-infizierten Menschen der Welt. Allein in den Ländern südlich der Sahara sind 22 Millionen Menschen infiziert, 17 Millionen Menschen sind auf dem Kontinent schon an Aids gestorben. Wie lässt sich angesichts solcher Zahlen die Ausbreitung der Immunschwächekrankheit bremsen?

Wir haben keine anderen Wege, als die, die bereits beschritten wurden. Es geht darum, altersgerecht aufzuklären und die Präventionsbotschaften zu forcieren. Gleichzeitig muss der Zugang zu Kondomen und zu antiretroviralen Medikamenten für alle ermöglicht werden.

Interview: Hans-Hermann Kotte

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