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Interview mit Manfred Kock "Homosexualität ist nicht bibelwidrig"

Manfred Kock, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, über das Vorhaben einiger Bischöfe, liberale Regeln für homosexuelle Priester zu kippen.

13.01.2011 11:43
"Die Kirche wird sich öffnen - gut so!", sagt Manfred Kock, ehemaliger Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Foto: dpa/dpaweb

Präses Kock, Sie haben den Brief Ihrer Kollegen nicht unterschrieben. Warum nicht?

Erstens hat mich keiner gefragt, und zweitens teile ich ihr Ansinnen nicht. Anders als die Autoren behaupten, sind homosexuelle Partnerschaften nach meiner Überzeugung nicht bibelwidrig. Darum hat die EKD hat ein gutes Gesetz beschlossen. Es schafft den Rahmen für solche Partnerschaften unter Pfarrern und lässt den Landeskirchen die Freiheit für eigene Regelungen. Die gibt es im Übrigen vielerorts längst – zum Teil nach langen kontroversen Diskussionen. Ich wüsste aber nicht, dass das in der Praxis noch zu großen Irritationen führt.

Die Bibel verurteilt Homosexualität ausdrücklich, und die acht Bischöfe warnen mit Martin Luther davor, die Autorität der Bibel zu missachten.

Bibelzitate aneinander zu reihen, hilft aber nicht, wenn es um Sachverhalte geht, die zu biblischer Zeit ganz anders gesehen wurden als heute. Unser Urteil muss mit Sicherheit anders ausfallen. Die Bibel wendet sich gegen bestimmte Sexualpraktiken, die wir heute als „Kindesmissbrauch“ bezeichnen würden. Solches Fehlverhalten – das sagt die EKD übrigens ganz klar – hat auch heute keinen Platz in der Lebensführung eines Pfarrers. Das ethische Urteil über menschliche Beziehungen insgesamt aber richtet sich nicht nach der geschlechtlichen Orientierung, sondern an Maßstäben wie Verlässlichkeit, Wahrhaftigkeit. Darin sollen Pfarrer und Pfarrerinnen ein Vorbild sein. Überdies stehen im Zentrum der Heiligen Schrift ganz andere Fragen. Das zeitbedingte ethische Urteil über Homosexualität ist dem gegenüber nachrangig.

Auch das sehen die acht Altbischöfe anders. Homosexualität sei „widernatürlich“ und daher aus Prinzip abzulehnen.

Es wird Formen sexuellen Verhaltens geben, die man unabhängig von Zeitumständen und gesellschaftlichen Bedingungen „widernatürlich“ nennen könnte. Den Kindesmissbrauch hatte ich ja schon erwähnt. Aber ich halte diesen Begriff generell für gefährlich und in diesem Zusammenhang für missraten. Wie sehr sind Menschen unter Berufung auf die „Natur“ nicht gedemütigt und verfolgt worden! So etwas wollen wir doch nicht im Ernst wieder aufleben lassen.

Sie meinen, die Altbischöfe hätten besser geschwiegen?

Diskussion gehört zu unserer evangelischen Kirche. Deshalb halte ich nichts von Maulkörben . Aber die Autoren haben offensichtlich nicht bedacht, dass sie mit ihrer Wortwahl wieder den Eindruck erwecken, Homosexuelle seien Menschen zweiter Klasse.

Im Vatikan wird man den Brief mit Wohlgefallen lesen.

Kann gut sein. Aber die römische Kirche hat offiziell ja gar kein Problem mit homosexuellen Partnerschaften von Priestern, weil Priester in überhaupt keiner Partnerschaft leben, sondern im Zölibat. Andererseits ist es kein Geheimnis, dass es eine Reihe homosexueller Priester gibt, selbst wenn manche Bischöfe sie am liebsten nicht im Amt hätten. Homosexualität ist eine menschliche Realität – auch in der katholischen Kirche.

Faktisch wird in Zukunft doch keine Landeskirche zu homosexuellen Pfarrer-Paaren mehr sagen können, „bei uns aber nicht“. Sonst gäbe es einen Aufstand.

Auf die Dauer werden wir überall eine Öffnung haben, ja. Das wird nicht aufzuhalten sein. Gut so, sage ich. Denn wenn wir heute wissen, dass die Homosexualität eben – ganz neutral – zu den Ausprägungen menschlicher Geschlechtlichkeit gehört, dann müssen wir doch alles tun, dass sie auch lebbar ist – und zwar nicht verschwiemelt und heimlich im Bahnhofsviertel, sondern offen und verantwortlich.

Ist der Brief ein Angriff auf den EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider und seinen liberalen Führungsstil?

Nein. Ich finde es aber merkwürdig, dass die Bischofskonferenz der Lutheraner, zu denen die Unterzeichner gehören, schon 2004 eine Öffnung der Pfarrhäuser für homosexuelle Paare für möglich hielten und gesagt hat, eine „Ausnahme vom Ehestatus“ könne es geben, wenn in einer solchen Beziehung ein vergleichbar hohes Maß an Verlässlichkeit und Verantwortung gegeben sei. Damals habe ich von meinen Kollegen keinen Mucks gehört.

Warum dann jetzt?

Das Ganze kommt mir sehr wie ein alterskonservativer Rollback vor. Die Haltung zur Homosexualität ist ja unbewusst oft geleitet von eigenen Ängsten und Vorbehalten. Sicher sind die Briefautoren in ihrem Lebensumfeld immer wieder Homosexuellen begegnet. Daher mag der Versuch rühren, sich mit diesem Thema erneut auseinanderzusetzen.


Interview: Joachim Frank

Manfred Kock, geb. 1936, war von 1997 bis 2003 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

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