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Interview mit Deniz Yücel „Das Leben macht keine Pause, auch nicht im Gefängnis“

Deniz Yücel ist zum Symbol der deutsch-türkischen Krise geworden. Im Interview erzählt der Journalist, auf welche Art er auf keinen Fall freikommen möchte - und was er nach der Entlassung aus dem Gefängnis als erstes machen will.

17.01.2018 13:53
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Deniz Yücel
Yücel sitzt seit dem 27. Februar 2017 in der Haftanstalt Silivri westlich von Istanbul in Untersuchungshaft. Foto: dpa

Seit mehr als elf Monaten sitzt der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel im Gefängnis in der Türkei.

In einem Interview, das schriftlich über seine Anwälte geführt wurde, macht Yücel deutlich, dass er keine „schmutzigen Deals“ will, um freizukommen. Der gebürtige Flörsheimer erzählt außerdem, wie er den Knast-Alltag verbringt: Zum Beispiel mit Schreiben, weswegen bald ein Buch von ihm erscheint. Und Yücel äußert sich dazu, in welcher Umfrage er Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in diesem Jahr den Rang ablaufen möchte.

Herr Yücel, Sie sind seit mehr als elf Monaten hinter Gittern. Wie geht es Ihnen?
Sehr gut. Danke. Vor anderthalb Jahren beschäftigte ich mich mit dem Fall Ilhan Comak. Ich las die Prozessakten, besuchte seine Familie in Izmir und schrieb in meiner Zeitung, der „Welt“, seine Geschichte auf. Ilhan saß zu diesem Zeitpunkt seit 22 Jahren in Haft - mit einer abenteuerlichen Anklage und ohne rechtskräftiges Urteil. Inzwischen wurde er zu lebenslänglich verurteilt, kürzlich erschien sein sechster Gedichtband. Die Geschichte und die Gegenwart dieses Landes ist voll mit solchen Beispielen. Ich will das Unrecht, das mir widerfährt, nicht kleinreden. Jeder Tag, der mir geraubt wird, ist kostbar. Aber ich will auch nicht so tun, als sei ich der größte Leidtragende dieser politischen Justiz.

Ihre Isolationshaft wurde vor kurzem aufgehoben. Wie hat sich das auf Ihr Befinden und auf Ihren Alltag ausgewirkt?
Ich muss Ihnen widersprechen: Die Isolationshaft, mithin eine Foltermethode, wurde nicht aufgehoben, sie wurde nur etwas aufgelockert. Vor dem Ausnahmezustand konnten Häftlinge zusammen Sport treiben, Fortbildungskurse besuchen oder sich für mehrere Stunden in der Woche mit Gefangenen ihrer Wahl zum Gespräch treffen. Diese Rechte sind weiterhin suspendiert. Ansonsten ist es natürlich besser, einen Menschen zum Reden zu haben, als niemanden zu haben. Mit dem Kollegen Oguz Ursluer, einem Fernsehjournalisten, frühstücken wir gemeinsam und drehen in unserem mit einem Drahtzaun überdeckten Hof unsere Runden. Dafür gibt es an anderer Seite eine Verschlechterung: Meine Frau Dilek kann ich, im besten Fall, für eine Stunde im Monat ohne Trennscheibe sprechen. Zuvor wurden wir dabei nur von außen beobachtet. Doch neuerdings sitzt ein Vollzugsbeamter im Raum.

Sie haben in Ihren Texten mehrfach deutlich gemacht, dass Sie am schmerzlichsten Ihre Ehefrau Dilek Mayatürk-Yücel vermissen. Was fehlt Ihnen nach Dilek am meisten im Gefängnis?
Gerechtigkeit.

Was ist Ihr erster Gedanke beim Aufwachen und Ihr letzter vor dem Einschlafen?
Och, das ist ganz unterschiedlich. Heute früh zum Beispiel dachte ich: Du musst endlich das dpa-Interview fertigmachen. Und aus Ihrer Frage spricht ein wenig die Vorstellung, dass man hier jede Nacht mit dem Gedanken an die Freiheit einschlafen und jeden Morgen mit Blick auf die Gitter am Fenster frustriert aufwachen würde. Dem ist nicht so; jedenfalls bei mir nicht. Mal kannst du vor lauter Gedanken kaum einschlafen, mal döst du stumpf vorm Fernseher ein. Mal bist du morgens voller Tatendrang, mal schaffst du es kaum aus dem Bett. Mal bist du schwer verliebt, mal diskutierst du über die künftige Farbe der Wohnzimmertapeten. Das Leben macht keine Pause, auch nicht im Gefängnis.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Deniz Yücel

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