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Interview mit Alice Schwarzer „Deutschland ist ein Zuhälter-Eldorado"

Freier von Zwangsprostituierten sollen zukünftig bestraft werden. Frauenrechtlerin Alice Schwarzer spricht im FR-Interview über die Absichten der Großen Koalition und fordert konkrete Maßnahmen zum Schutz der Frauen und Bestrafungen der Händler.

Frauenrechtlerin Alice Schwarzer fordert im FR-Interview mehr Schutz für Zwangsprostituierte. Foto: REUTERS

Frau Schwarzer, im Koalitionsvertrag ist dem Thema Prostitution ein kurzer Absatz gewidmet. Darin wird angekündigt, die neue Regierung wolle Freier von Zwangsprostituierten bestrafen und stärker gegen Menschenhändler vorgehen. Reicht Ihnen das?

Es ist ein erster Schritt. Soll der nicht nur symbolisch bleiben, müssen wir klären, was darunter zu verstehen ist, wenn jemand „wissentlich oder willentlich die Zwangslage der Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution ausnutzt und diese zu sexuellen Handlungen missbraucht“. Dass jemand es willentlich getan hat, wird in der Regel schwer beweisbar sein. Und unter „Opfer in Zwangslage“ müssten natürlich auch die Hunderttausende von Armutsprostituierten verstanden werden.

Welche konkreten Schritte wären aus Ihrer Sicht denn wichtig?

Wichtig sind ganz konkrete Maßnahmen zum Schutz der Frauen – und zur Bestrafung der Händler mit der Ware Frau. Zum Beispiel: die Heraufsetzung des Schutzalters auf 21, die Pflicht zur Gesundheitskontrolle (die fatalerweise abgeschafft wurde), eine Anmeldepflicht für Bordelle, die Ahndung der Wuchermieten in den Großbordellen, Strafen für Menschenhändler und Zuhälter. Und vor allem: ausreichend Ausstiegsangebote für Frauen in der Prostitution. Laut Studien wollen 90 Prozent aussteigen – können aber nicht.

In Frankreich wird aller Voraussicht nach am Mittwoch das „Gesetz zur Abschaffung der Prostitution“ verabschiedet. Wäre ein solches Gesetz auch in Deutschland wünschenswert?

Unbedingt! Denn es sind ja die Kunden, die den Markt schaffen. Ohne Freier keine Prostitution.

Welche Voraussetzungen müssten denn zunächst erfüllt sein, um Prostitution auch in Deutschland unter Strafe zu stellen?

Einem solchen Schritt müsste eine kritische gesellschaftliche Debatte vorausgehen, wie in Schweden, wo heute 93 Prozent aller Frauen und 75 Prozent aller Männer gegen Prostitution sind. Die hat in Deutschland aber gerade erst begonnen, dank des „EMMA“-Appells. Bis vor kurzem galt Prostitution unwidersprochen als „ganz normale Dienstleistung“ und „Beruf wie jeder andere“.

Prostituiertenverbände in Frankreich protestieren gegen das Gesetz. Sie argumentieren, Prostitution werde nicht abgeschafft, sondern in die Illegalität verlagert. In der Illegalität seien die Frauen der Gewalt von Zuhältern und Freiern noch stärker ausgeliefert. Was entgegnen Sie diesen Frauen?

Prostituiertenverbände? Zu Deutschland kann ich Ihnen sagen, dass in dem gerade offensichtlich hastig gegründeten „Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen“ rund hundert Mitglieder organisiert sind, darunter zahlreiche Bordellbetreiber und „Studiobetreiberinnen“; also Ex-Prostituierte, die jetzt andere Frauen für sich anschaffen lassen. Das wäre also ein Organisationsgrad von circa 0,02 Prozent.

Und was die Illegalität angeht?

Nie war die Mehrheit der Prostituierten in Deutschland so isoliert und in der Illegalität wie heute! Niemand weiß, wer heute in den „Modelwohnungen“, in Großbordellen und auf dem Straßenstrich hin- und hergeschoben wird. Genau darum verlangen wir ja eine Gesetzesänderung. Legal sind nur die Geschäfte der Zuhälter und Bordellbetreiber und -betreiberinnen.

Ein weiteres Argument von Gegnern ist, dass die betroffenen Frauen, die oft keine Ausbildung haben, ihrer Lebensgrundlage beraubt würden …

Wovon reden wir? Von den fünf bis zehn Prozent deutschen Prostituierten, die heute in der Tat relativ privilegiert sind und oft selbst Bordellbetreiberinnen? Oder von den restlichen 80 bis 90 Prozent Armuts- und Zwangsprostituierten aus Osteuropa, die nicht selber verdienen, sondern an denen verdient wird? Das Geschäft machen Menschenhändler, Schlepper, Zuhälter oder auch die Familien der Frauen, die Monat für Monat Hunderte von schmutzigen Euros kassieren. Wäre Deutschland nicht ein Zuhälter-Eldorado, könnten diese Frauen nicht hierher verschachert werden und hätten zumindest eine Chance auf ein anderes Leben.

Den Befürwortern des Gesetzes gilt Deutschland als Mahnung. Hier sei die Zahl der Prostituierten seit der Legalisierung vor gut zehn Jahren stark angestiegen. Schafft Angebot tatsächlich Nachfrage?

Die Legalisierung hat neue Märkte geschaffen: die „Modelwohnungen“ in Wohnhäusern; die Flatrates; die Laufhäuser und Wellnessbordelle mit immer neuem Frischfleisch. Das alles war vor 2002 nicht möglich. Und darum ist Deutschland jetzt ein Einreiseland für Sextouristen, so wie früher Thailand. Männer aus den Nachbarländern reisen in Bussen an, weil sie nirgendwo die Frauen so billig kriegen.

Interview: Nadja Erb

Auf der Homepage der Emmaläuft seit über einem Monat eine Unterschriftenaktion für einen Appell gegen Prostitution.

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