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Interview mit Ai Weiwei "Jemand muss die Drecksarbeit machen"

Der chinesische Künstler Ai Weiwei will nicht, dass die beim Erdbeben im letzten Jahr getöteten Kinder vergessen werden. Warum er zum Beispiel eine öffentliche Liste erstellt, sagt er im FR-Interview.

10.05.2009 00:05
Ai Weiwei Foto: afp

Herr Ai, wollen Sie ins Gefängnis?

Nein, ich will nur die Wahrheit.

Wahrheit und Gefängnis liegen in China manchmal eng beieinander.

Ich weiß, aber das hält mich nicht auf.

Sie und ihre Helfer erstellen eine öffentliche Liste aller Kinder, die beim Erdbeben am 12. Mai 2008 getötet wurden. Die Regierung hat eine solche Aufstellung bisher verweigert, offenbar um Proteste gegen marode Schulgebäude zu verhindern. Demonstrierende Eltern werden eingeschüchtert und gar verhaftet.

Das sind leider die Methoden, mit denen die Kommunistische Partei ihre Macht zu sichern versucht. Deshalb ist ihre Herrschaft heute selbst ein einziges Tofu-Gebäude...

...ein Spottname für die vielen eingestürzten Gebäude im Erdbebengebiet, bei deren Bau infolge von Korruption und Schlamperei minderwertige Materialien verwendet wurden.

Weil das System unseres Land jederzeit kollabieren kann, müssen wir es zwingen, sich zu ändern: Die Regierung muss endlich anfangen, zu ihren Fehlern zu stehen und daraus zu lernen. Die eingestürzten Schulen in Sichuan sind da ein Paradebeispiel: Das Erdbeben hat gezeigt, dass viele Gebäude nicht den vorgeschriebenen Sicherheitsstandards entsprechen, und weil wahrscheinlich ein Großteil der chinesischen Schüler in Tofu-Häusern zum Unterricht geht, sollte man die Menschen auf die Gefahr aufmerksam machen und mit vereinten Kräften etwas dagegen tun. Aber die Regierung sträubt sich gegen eine öffentliche Untersuchung, und wenn man die Behörden in Sichuan fragte, wie viele Kinder in Schulen getötet wurden, bekam man bisher immer die Antwort: Wir arbeiten noch an den Zahlen. Verdammt noch mal, das kann doch nicht so schwer sein! Deshalb erstellen wir jetzt unsere eigene Liste.

Kurz vor dem Jahrestag haben die Behörden nun erklärt, 5335 Schüler seien gestorben.

Die offiziellen Zahlen sind völlig unglaubwürdig. Die Behörden haben ja gar keine richtige Untersuchung durchgeführt und ihre Angaben sind absolut intransparent. Auf unserer Liste stehen aktuell 5203 Namen mit persönlichen Angaben, Adresse und Kontakten der Angehörigen. Und damit sind wir noch lange nicht fertig. Im Moment sind über 60 freiwillige Helfer in Sichuan unterwegs, um Informationen zu sammeln. Es ist eine undankbare Aufgabe, aber irgendjemand muss ja die Dreckarbeit machen.

Was für Leute sind dazu bereit?

Wir haben Studenten, Anwälte, Künstler, Schriftsteller und Musiker, aber auch Mütter, die beim Erdbeben ihr Kind verloren haben, und sogar eine achtzigjährige Großmutter. Ich kenne die Teilnehmer nicht persönlich, sie haben sich auf einen Aufruf auf meinem Blog beworben. Wir haben auch nicht alle genommen, denn sie mussten erst einen ausführlichen Fragebogen ausfüllen, der sie darauf vorbereitet hat, auf was sie sich da einlassen.

Sie setzen Ihre Leute einem erheblichen Risiko aus.

Ja, der Druck ist gewaltig. Einige unserer Helfer sind festgehalten, abgeführt oder bedroht worden. Aber wir haben allen Teilnehmern klare Anweisungen gegeben, wie sie sich verhalten müssen: Wir demonstrieren nicht, wir suchen keine Konfrontation, wir wiegeln niemanden auf. Alles was wir machen, ist Fakten sammeln. Aber natürlich geht es um mehr. Gewissermaßen funktioniert das Projekt wie eine klassische Bürgerrechtsbewegung, denn die Teilnehmer lernen dabei sehr viel über ihr Land, ihre Regierung, ihre Kultur.

Was denn so?Sie lernen das Leben hinter der offiziellen Propaganda kennen. Ich gebe ihnen ein Beispiel: Ein Teilnehmer hat den Vater eines getöteten Kindes getroffen, der von den Behörden schon mehrfach verlangt hat, die Bauqualität der lokalen Schule zu untersuchen. Die Familie gehört zu einer kleinen ethnischen Minderheit, den Qiang, und eines Tages haben die Polizisten ihm angedroht: "Wenn du nicht Ruhe gibst, ändern wir die ethnische Zugehörigkeit auf deinem Personalausweis in ,Tibeter\\\' - dann können wir dich als Freiheitskämpfer verfolgen, und was meinst du, was dir dann blüht?!" Bei einer solchen Geschichte muss es einem doch wie Schuppen von den Augen fallen, in was für einem scheußlichen System wir leben.

Wenn Ihr Blog eine solche Desillusionierungs-Bewegung ins Leben rufen kann, warum wird er dann von den Zensurbehörden nicht einfach abgestellt?

Das frage ich mich auch. Viele Menschen sitzen in China wegen weitaus harmloserer Aktionen im Knast. Manchmal sind meine Vorwürfe so harsch formuliert, dass ich denke: Das war jetzt der letzte Eintrag. Aber bisher ging es immer weiter, und obwohl mein Blog im chinesischen Internet nicht so einfach zu finden ist, hat er eine sehr solide Leserschaft.

Es gibt das Gerücht, auch Präsident Hu Jintao lese ihren Blog und benutze ihn als eine Art Thermometer für die soziale Empfindlichkeit.

Mag sein, ich weiß es nicht. Natürlich ist es unser Ziel, das System von innen zu verändern. In dieser Hinsicht ist das Erdbeben-Projekt ganz ausgezeichnet. Nehmen wir nur das Interview, das wir gerade führen: Die chinesische Botschaft in Deutschland wird es ins Chinesische übersetzen und ans Pekinger Außenministerium schicken, von wo es dann nach Sichuan weitergeleitet wird. Und je mehr Aufmerksamkeit unser Projekt bekommt, umso mehr chinesische Beamte müssen sich mit unseren Ideen auseinandersetzen. Vielleicht werden sie mich persönlich nicht mögen, aber den Fakten können sie sich nicht verschließen. Und Informationen können die Welt verändern.

Das klingt nach gewaltfreiem Widerstand à la Gandhi mit den Mitteln der Internetgesellschaft. Sehen sie sich eher als Künstler oder als politischer Aktivist?

Als Künstler sind politische und soziale Anliegen Teil meiner Arbeit. Wenn man meine Werke relevant sein sollen, müssen sie sich mit den wichtigen Themen unserer Gesellschaft befassen. Denn letztlich lassen sich die Kunst und das Leben nicht von einander trennen.

Interview: Bernhard Bartsch

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