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Interview Kevin Kühnert „Was kommt nach Hartz IV?“

Juso-Chef Kevin Kühnert über seine Wut auf Martin Schulz, ansteckende Lachanfälle von Andrea Nahles und die Frage, ob es sein könnte, dass er die SPD überlebt.

Kevin Kühnert
„Die Erneuerung der SPD ist erst dann gelungen“, sagt Kevin Kühnert, „wenn diesmal nicht nur die SPD selbst findet, dass sie gelungen ist.“ Foto: Imago

Es ist heiß, aber Kevin Kühnert trägt an diesem Tag einen Kapuzenpulli. Der 29-Jährige hat eine verrückte Zeit hinter sich: Innerhalb kürzester Zeit ist er im vergangenen Jahr von einem unbekannten Hobby-Politiker zum Machtfaktor geworden, einen riesigen Rummel um seine Person inklusive. Was will er in seiner Partei, der SPD, bewegen? Und: Was bewegt den Menschen Kevin Kühnert? Eineinhalb Stunden lang haben wir im Willy-Brandt-Haus mit dem Juso-Chef über Politisches und Persönliches gesprochen, von der Forderung nach der Abschaffung von Hartz IV bis hin zu seinem Coming Out.

Herr Kühnert, was war das für ein Gefühl, als Sie sich das erste Mal im Fernsehen gesehen haben?
Ungewohnt, irgendwie seltsam. Und das nicht nur für mich, sondern auch für mein Umfeld. Am Anfang habe ich noch regelmäßig Nachrichten von meiner Oma bekommen, wenn sie mich irgendwo entdeckt hat.

Gibt es irgendetwas, was Sie nicht mehr machen können, seit Sie bekannt sind?
Die Anonymität ist weg. Das ist die spürbarste Veränderung. Auf der Straße oder in der Bahn unterwegs zu sein, heißt angeguckt und angesprochen zu werden. Ich habe zwar fast immer positive Erfahrungen gemacht. Aber es verändert das eigene Leben, wenn man realisiert: Bei allem, was ich tue, muss ich einkalkulieren, dass mich jemand sieht und zuordnet.

Also geht es Ihnen wie einem jungen Lehrer nach dem Studium, der denkt: „Oh Gott, ich kann hier nicht mehr betrunken nach Hause wanken …“
Nein. Das fände ich auch bedenklich, wenn ich mir nicht mehr trauen würde, auf einer Party drei Bier zu trinken – falls ich da mal Lust drauf habe. Ich will kein klinisch reines Bild von mir produzieren. Die Leute sollen nicht denken: Der steht immer um sechs Uhr morgens auf und ernährt sich nur von Obstsäften. Das glaubt doch sowieso keiner.

Sie haben Martin Schulz aus nächster Nähe erlebt, als er – wenige Tage nach seinem unbedingten Nein zur großen Koalition – auf dem Juso-Bundeskongress in Saarbrücken die Wende einleitete. Wie ein Häufchen Elend stand er auf der Bühne und sagte: „Ich will gar nichts.“ Waren Sie da wütend auf ihn? Oder tat Ihnen der SPD-Vorsitzende leid?
Er hat mir erst mal leidgetan, weil er an diesem Tag richtig krank war und hohes Fieber hatte. Der Mann hätte ins Bett gehört – und durfte sich nicht auskurieren. Das wirft ein Schlaglicht darauf, wie hart und unnachgiebig der Politikbetrieb in solchen Momenten ist.

In der Sache fanden Sie sein Schlingern ziemlich daneben.
Absolut. Martin Schulz hat sich seine Rede ja nicht spontan ausgedacht, sondern er wusste, was er tat. Mitleid ist auch keine politische Kategorie. Das Wort wütend trifft meine Gefühlslage von damals aber dennoch nicht. Ich fand den Kurs einfach falsch, den Schulz und der SPD-Vorstand plötzlich einschlugen.

Nach dem Juso-Kongress wurden Sie schnell zur Gallionsfigur der Gegner einer großen Koalition. Von jetzt auf gleich waren Sie – einfach nur wegen des konsequenten Festhaltens an einem Standpunkt – ein politischer Popstar. Irre, oder?
Ja. Der Personenkult war absurd. Ich bin ja auch gar nicht der Entdecker einer Geheimrezeptur, wie man die Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert retten kann. Ich habe mit den Jusos zusammen zunächst mal nur die Position gehalten, die der SPD-Parteivorstand im September und im November zwei Mal beschlossen hatte: Die große Koalition ist abgewählt. Dass wir damit solche Kreise gezogen haben, lag auch daran, dass wir die einzige organisierte Gruppe in der SPD waren, die das so durchgezogen hat. Da hatten wir eine gewisse Exklusivität.

Hatten Sie zwischendurch Angst, dass es Ihnen in unserer schnelllebigen Zeit genau so ergehen könnte wie Martin Schulz: erst gefeiert, dann abgestürzt?
Das war mir nicht so wichtig. Martin Schulz hat Hype und Absturz in einer Bewerbungssituation erlebt: Er wollte Kanzler werden. Ich war ja schon in dem Amt, in dem ich gern arbeiten wollte: Juso-Vorsitzender. Meine Aufgabe ist, die politische Stimme unseres Jugendverbandes zu sein. Den Job kann man auch machen, ohne dass dafür alle applaudieren.

Jetzt ist die SPD in der großen Koalition, will sich aber zugleich erneuern. Muss am Ende dieses Prozesses der Bruch mit Hartz IV stehen?
Mein Ziel ist nicht, dass am Ende nur rauskommt: Hartz IV war doof. Mein Ziel ist, dass wir mit der Logik dahinter brechen, die nämlich nicht nur Betroffenen als Drohkulisse erscheint. Deshalb habe ich in den Erneuerungsprozess die Frage eingebracht: Was kommt nach Hartz IV? Der Vorstand hat einstimmig beschlossen, dass die ganze Partei sich mit dieser Frage beschäftigen wird. Wir wollen etwas Gerechteres als Hartz IV, das breite Akzeptanz genießt. Es darf nicht nur um die 78. Korrektur einer Reform gehen, die ganz viele Menschen abgrundtief ablehnen.

Also Sie versprechen: Die SPD macht definitiv Schluss mit Hartz IV.
Dazu müssen wir aber auch erst mal etwas Besseres finden. Die Höhe der Regelsätze, Sanktionen, Weiterbildung, Schonvermögen und wie wir Kinder aus diesem System rausbekommen – das alles steht auf der To-do-Liste. Die Erneuerung der SPD ist erst dann gelungen, wenn diesmal nicht nur die SPD selbst findet, dass sie gelungen ist. Der Gradmesser ist die Gesellschaft, nicht unser Parteitag.

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