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Interview „Der Westfälische Friede ist eine Erfolgsgeschichte“

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler spricht im Interview über konfessionelle Konflikte und die Lehren aus dem Jahr 1648.

Katholikentag
Das Motto "Suche Frieden" steht auf einem Banner vor der Halle Münsterland. Foto: dpa

Herr Professor Münkler, ist die „Friedensstadt Münster“ heute mehr als eine Erinnerung?
Der Wirklichkeitsbezug des Westfälischen Friedens bis in unsere Tage ergibt sich nicht von selbst. Dafür liegen die Geschehnisse des Dreißigjährigen Krieges zu lange zurück, und auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind grundverschieden. Aber dass es vor 400 Jahren gelungen ist, eine tiefe soziale und konfessionelle Spaltung zu überwinden und eine neue politische Ordnung zu schaffen, das hat bis heute eine hohe Faszinationskraft. Nicht von ungefähr hat Frank-Walter Steinmeier als Außenminister gesagt, der Nahe Osten brauche einen „neuen Westfälischen Frieden“. Insofern ist Münster ein Lernort für die Bewältigung gegenwärtiger Aufgaben.

Was gibt es zu lernen?
Zunächst viel Enttäuschendes und wenig Erfreuliches: Es hat mehr als vier Jahre gedauert, bis der Westfälische Friede ausverhandelt war. Das war anstrengend, und das war ermüdend. Es brauchte großes diplomatisches Geschick, und im Oktober 1648 glaubten viele nicht daran, dass dieser Friede halten würde. Wer immer also heute denkt, es genüge für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten schon, dass sich ein paar gutwillige Spitzenpolitiker mal zusammensetzen, den wird Münster eines Besseren belehren.

Was macht die Bedeutung des Westfälischen Friedens für das Verhältnis der Konfessionen aus?
Ein Erfolgsfaktor war es, die konfessionellen Streitigkeiten in Osnabrück und die politischen in Münster zu behandeln, die Sphären also inhaltlich und räumlich zu trennen. In der Folge wurden Unterschiede in Glaubensfragen und die konfessionelle Trennung so weit entpolitisiert, dass sich an ihnen künftig keine kriegerischen Konflikte mehr entzündeten. Das war eine große Leistung – und eine Erfolgsgeschichte für das Habsburger-Reich und die deutschen Territorien.

Was hatte Deutschland davon?
Dass sich Katholiken und Protestanten fortan nicht mehr die Köpfe eingeschlagen haben. Zum Ende des Krieges hatten die immensen Kosten – im umfassenden Sinn des Wortes – bei den Bewohnern der verwüsteten deutschen Territorien den Entschluss reifen lassen, „so was wollen wir nie wieder“. So unterschied sich Deutschland nach 1648 in puncto religiöse Toleranz von all seinen Nachbarn, die entweder geschlossen katholisch oder protestantisch blieben und bei denen die Konfessionsfrage somit weiterhin ein Bestandteil der politischen Ordnung war. Der Dreißigjährige Krieg, das darf man nicht vergessen, war aber keineswegs nur ein Konfessionskrieg.

Sondern?
Der religiöse Konflikt war überlagert von Streitigkeiten über Verfassungsfragen und von Hegemonialansprüchen. Diese erst machten die mürrische Indifferenz zwischen den Konfessionen so heiß, dass sich daran der Krieg entzünden konnte.

Das „nie wieder“ war aber auf lange Sicht auch nicht nachhaltig.
Trotzdem können gerade wir Deutsche den Menschen in den Regionen, wo sich in der Gegenwart konfessionelle Konflikte zu mörderischen Kriegen ausgewachsen haben, heute sehr wohl sagen: „Hey, Leute, wir haben selber reichlich Erfahrungen mit religiösem Zwist. Wir können euch erklären, wie ihr das friedlich miteinander hinbekommt, wenn ihr es hören wollt.“ Die Entpolitisierung religiöser Konflikte nach dem Muster des Westfälischen Friedens hielte ich durchaus für etwas, was im Nahen und Mittleren Osten machbar wäre. Dagegen ist etwa die politische Vorstellung der Laizität nach französischem Vorbild dort völlig ausgeschlossen.

Interview: Joachim Frank

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