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Interview "Angekommen in Mitte der Gesellschaft"

Islamwissenschaftler Mathias Rohe über osmanische Architektur, die Auslegung der Scharia und religiöse Identitäten.

27.10.2008 00:10
Groesste Moschee Deutschlands wird in Duisburg eroeffnet
Osmanische Architektur: Rund 5000 Besucher feierten die Eröffnung der neuen Moschee. Foto: ddp

Professor Rohe, freuen Sie sich über die Duisburger Moschee?

Ja, soweit sie zeigt, dass der Islam angekommen ist in der Mitte der Gesellschaft. Es ist ein Stück Normalisierung des Zusammenlebens, wenn Muslime, die hier auf Dauer leben, sich eine sichtbare religiöse Infrastruktur geben.

Warum Großmoscheen: Brauchen die Muslime so viel Platz, weil ihre Religiosität zunimmt - oder wollen die Islamverbände schlicht Stärke demonstrieren?

Sicher kommt da ein Selbstdarstellungsbedürfnis zum Ausdruck. Aber auch das ist normal. Schauen Sie in unsere Geschichte: Die Zeit der bürgerlichen Emanzipation und der Gleichberechtigung der Juden in Deutschland im 19. Jahrhundert fällt ziemlich genau zusammen mit der Errichtung repräsentativer Synagogen in deutschen Städten.

Haben die Ängste vor Moscheeneubauten auch mit der fremdartigen Architektur zu tun?

Ja, wir haben jedenfalls Erkenntnisse, dass Moscheen mit zeitgenössischer Architektur auf weniger Widerstand stoßen als andere. In Deutschland werden allerdings oft traditioneller gestaltete Moscheen gebaut als in den Herkunftsländern. Darüber gibt es schon eine lebhafte innermuslimische Debatte. Gerade jüngere Muslime stört es, wenn von der Formensprache her nicht "deutsche" Moscheen, sondern türkische oder arabische gebaut werden. Die Duisburger Moschee zum Beispiel würde ich osmanisch pur nennen.

Große Bauten stehen für Selbstbewusstsein. Aber hinkt die innere Verfasstheit der Moscheegemeinden nicht hinterher?

Da fehlt es noch enorm. Die Imame sollten hier sozialisiert und ausgebildet sein und die Lebensrealitäten der Menschen kennen, für die sie da sein sollen. Da stehen wir leider am Anfang. Dabei kann die Rolle des Imams hier sogar wichtiger sein als in den Herkunftsländern, denn hier übernehmen sie oft eine Mediatorposition: Bei Konflikten, die in Herkunftsländern noch die Großfamilien selbst geregelt haben - die es hier aber ja so nicht mehr gibt.

Wer soll die Ausbildung der Imame übernehmen?

Nach unserem Religionsverfassungsrecht dürfen die religiösen Gruppierungen weitgehend selbst bestimmen, wie sie ihr Personal rekrutieren. Aber ich würde mir schon eine Hochschulausbildung für muslimische Theologen wünschen. Und zwar eine, die die Leute befähigt, auf Augenhöhe mit Vertretern anderer Religionen zu diskutieren. Im Moment ist es leider so, dass der Dialog schnell vorbei ist, wenn man kein Türkisch spricht.

Welches Gewicht darf die Scharia hier noch haben?

Die meisten religiösen Normen der Scharia, die Betvorschriften und so weiter, sind unproblematisch. Andere Teile, wie Körperstrafen, die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen im Familien- und Erbrecht und der unterschiedliche Rang der Religionen haben hier keinen Platz. Es kommt aber darauf an, ob man die Normen wörtlich auslegt oder historisch-kritisch (durch ihre Entstehungszeit bedingt) liest. Viele Muslime pflegen inzwischen den historisch-kritischen Zugang. Ich habe sogar den Eindruck, gerade in Europa und den USA haben sich die liberaleren muslimischen Denker angesiedelt, eben weil sie hier frei reden können. So entwickeln sich modernere Lesarten gerade hier.

Wird der Islam unsere weitgehend entkirchlichte Gesellschaft wieder religiöser machen?

Man kann das nicht ausschließen. Die Furcht vor dem Islam ist ja auch eine Furcht vor der Schwäche des Christentums. Der Islam löst neues Nachdenken über unsere eigene religiöse Identität aus.

Interview: Ursula Rüssmann

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