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Indien Wunder-Enthüller wegen "Blasphemie" verfolgt

Als Wasser von einer Christusstatue in Indien tropft, freut sich die Gemeinde über ein Wunder. Bis ein Skeptiker das Phänomen entzaubert. Nun drohen ihm bis zu drei Jahren Haft.

Der Bürgerrechtler Sanal Edamaruku drohen bis zu drei Jahre Haft wegen "Blasphemie". Foto: afp

Als Wasser von der Christusstatue im indischen Velankanni tropfte, schien das für die katholische Gemeinde der Jackpot zu sein. Ein Wunder! Jesus weint! Die Gläubigen der Kirchengemeinde in Mumbai sammelten laut Guardian (Englisch) das "heilige Wasser" und posaunten die frohe Botschaft ins Land. Es winkten Ansehen und Geld.

Alles schien gut für die Gemeinde - bis zu dem Tag, am dem Anfang 2012 Sanal Edamaruku kam.

Edamaruku, ein bekannter indischer Atheist und überhaupt ein zweifelnder Mensch, vermutete öffentlich, es müsse doch eine rationale Erklärung für die Jesustränen geben. Mit Duldung der Kirchenoberen machte Edamaruku sich auf den Weg in die Kirche, ein TV-Team im Anhang, und untersuchte die Statue und ihre Umgebung. Sein Befund: Die "Tränen" stammen aus einem kaputten Abfluss, und das Wasser werde nicht befördert von göttlicher Kraft, sondern von dem sehr irdischen Kapillareffekt. Das Wasser sei nicht nur unheilig, sondern wohl auch verschmutzt.

Absurdes, gefährliches Gesetz

Weil aber echter Glaube bekanntlich felsenfest ist, halten die Kirchenverantwortlichen an dem Ihren fest – und gehen selbst in die Offensive: Mithilfe eines Blasphemie-Paragraphen aus der Kolonialzeit zeigen sie Edamaruku wegen Gotteslästerung an, wird er schuldig gesprochen, drohen ihm bis zu drei Jahre Haft. Edamaruku erhielt Todesdrohungen, im Sommer 2012 flüchtete er deshalb nach Finnland.

Bis heute hält er sich in Europa auf, sicherheitshalber. In Indien hat die Polizei in der Zwischenzeit bereits an die Tür seiner Wohnung geklopft, weiß er von Bekannten. Anstatt zurückzukehren, greift Edamaruku aus dem Exil an. Sein Ziel: Europäische Regierungen sollen Druck auf Indien auszuüben, damit die Klage gegen ihn fallengelassen wird.

Der Blasphemie-Paragraph sei „ein absurdes Gesetz, aber auch sehr gefährlich“, sagt er. Die Regelung mache es anderen einfach, wegen einer Auseinandersetzung falsche Beschuldigungen zu erheben. Erst kürzlich wurde laut Edamaruku in Indien ein Mädchen wegen "Verletzung religiöser Gefühle" verhaftet. Ihr Vergehen: Sie hatte auf Facebook hinterfragt, ob man denn wegen dem Tod eines hindu-nationalistischen Politikers gleich zum Generalstreik aufrufen müsse.

Edamaruku hat eine Theorie, weshalb der Glaube an Wunder bis heute so präsent ist. Für viele sei der Aberglaube scheinbar ein Ausweg aus den Mühsalen des Lebens, sagt er - aber am Ende führe er erst recht dazu, dass die Betroffenen nicht mehr mit der Realität klarkommen.
„Es ist ein Teufelskreis, es ist wie bei einer Sucht. [Die Betroffenen] werden anfällig für Ausbeutung durch Astrologen, Göttermenschen, Pseudo-Psychologen…und der ganzen Mega-Industrie des Irrationalismus.“

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