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Indien Wenn Frauen Frauen versklaven

Viele Mädchen und Frauen werden Opfer brutaler Gewalt - auch von Täterinnen. Wie Indiens Schwiegermütter die Unterdrückung von Frauen zementieren.

Ihre Hochzeit mag noch prächtig sein, aber für einige dieser indischen Bräute wird das Eheleben zur Hölle werden. Foto: REUTERS

Bevor Nitu aus dem Haus in Delhis Viertel Khanpur auf die schmale Gasse tritt, wirft sie ihre Dupatta, den breiten indischen Schal, über den Kopf und verbirgt ihr Gesicht. Früher hat sie das nicht getan, doch seit sie verheiratet ist, darf sie sich Fremden nicht mehr unverhüllt zeigen. Das hat nicht etwa ihr Ehemann angeordnet. „Meine Schwiegermutter wünscht das so“, sagt die 26-jährige.

Nichts fürchten viele indische Frauen mehr als ihre Schwiegermutter. Überall in der Welt werden Witze über Schwiegermütter gerissen, meist von Männern. Doch nur selten spielen Schwiegermütter eine so zentrale Rolle dabei, patriarchalische Strukturen zu zementieren und junge Frauen zu kontrollieren, wie im mehrheitlich hinduistischen Indien.

Zwar verändert sich Indien rasant. Kleinfamilien nehmen zu und die jungen Frauen von heute lassen sich weniger gefallen. Aber noch immer folgen viele Paare der  Tradition, nach der Hochzeit zu den Eltern des Mannes zu ziehen. Dort stehen die jungen Frauen unter der Fuchtel der „Saas“, wie die Schwiegermutter auf Hindi heißt. Man erwartet, dass sie sich der älteren Frau klaglos unterwerfen.

Natürlich gibt es Frauen, die ihre Schwiegertöchter liebevoll behandeln. Doch für viele junge Ehefrauen beginnt eine Leidenszeit. Sie werden wie Sklavinnen ausgebeutet und müssen die ganze Familie bedienen. Dieses Muster pflanzt sich über Generationen fort: Später schikanieren sie ihre eigenen Schwiegertöchter, um sich für die eigenen harten Jahre zu entschädigen.

Während die Männer draußen das Sagen haben, geben die Schwiegermütter in der Familie oft ihren verlängerten Arm. Ihnen obliegt es, die Ehre der Familie zu schützen und die jüngeren Frauen zu überwachen. So gelingt es ihnen, von den patriarchalischer Strukturen zu profitieren und Macht zu erringen. Damit tragen Frauen zur Unterdrückung von Frauen bei.

Wenig Hilfe vom Ehemann

Von ihren Ehemännern haben die jungen Frauen wenig Hilfe zu erwarten. So verlangt die Sitte, dass sich die Söhne bei Konflikten aus Respekt stets auf die Seite ihrer Mutter schlagen. Bis heute haben viele Männer ein engeres emotionales Band zu ihrer Mutter als zu ihrer Frau. Indische Mütter vergöttern und verhätscheln ihre Söhne oft maßlos, weil sie erst durch einen Sohn einen Wert bekommen, während Töchter als minderwertig gelten.

Die Verherrlichung des Männlichen geht so weit, dass es nicht ungewöhnlich sei, dass Mütter oder andere mütterliche Figuren in der Familie spielerisch die Genitalien des Sohnes streicheln oder sogar seinen Penis küssen, schreibt der bekannte indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar in seinem Buch „Die Inder“.

Dafür reklamieren viele Mütter eine Machtposition im Leben ihrer erwachsenen Söhne und deren Frauen. Ihre Kontrolle kann sich auf fast alle Aspekte des Lebens erstrecken. Sie bestimmen, wie sich die Schwiegertochter kleidet, ob sie ihre Eltern besuchen, einen Job annehmen oder verreisen darf. Viele Frauen dürfen nicht mal alleine einkaufen oder zum Arzt gehen. Im Extremfall bestimmen Schwiegermütter sogar, wie oft das junge Paar Sex hat, indem sie die „Bahu“, die Schwiegertochter, bis tief in die Nacht schuften lässt, um romantische Augenblicke zu zweit zu verhindern.

Das Machtgefälle beinhaltet oft direkte Gewalt. „Es gibt wachsende Hinweise, dass viele indische Frauen Gewalt durch ihre Schwiegermütter erleiden“, heißt es in einer Studie von 2013. „Indische Schwiegermütter sind beständig in Verfahren wegen Gewalt gegen ihre Schwiegertöchter verwickelt, insbesondere in Mitgiftfällen.“ Zwar seien nur etwa vier Prozent aller Häftlinge in Indien Frauen. Doch bei Mitgiftmorden seien sie direkt nach den Ehemännern die häufigste Tätergruppe. In Delhis Gefängnis Tihar soll es sogar einen eigenen „Schwiegermutter“-Trakt geben.

In Odisha wurden jüngst eine Frau und ihre zwei erwachsenen Töchter zu lebenslänglich verurteilt, weil sie die Schwiegertochter der Mitgift wegen zu Tode gefoltert hatten. Umgekehrt machen auch Fälle Schlagzeilen, in denen Frauen ihre Schwiegermütter misshandeln. Vor allem ältere Frauen wie Witwen, die ohne Schutz eines Ehemannes dastehen, gelten als Bürde und werden leicht Opfer häuslicher Gewalt. Das geht so weit, dass sie ausgesetzt werden. Die heilige Stadt Vrindavan ist voll von Witwen, die in ihren Familien nicht mehr erwünscht sind.

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