Lade Inhalte...

Indien Wahlmänner bestimmen neues Staatsoberhaupt in Indien

In Indien wird am Montag ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Zwei Dalits, früher als „Unberührbare“ bezeichnet, wollen das indische Präsidentenamt - doch sie haben mächtige Gegner.

Indien
Ram Nath Kovind auf Wahlkampftour in Ahmedabad. Foto: rtr

Wo in Indien ein Dalit auftaucht, findet sich nahebei meist auch ein Supdu, ein beim Sauberfegen nützliches Körbchen. Das ist in dem als 300 Räume zählenden Rashtrapati Bhavan, dem rostroten, einst von den britischen Kolonialherren erbauten Palast nicht anders, in dem heute der Präsident der größten Demokratie der Welt wohnt. Dort, wie im Rest des Landes, gilt der Korb 70 Jahre nach Unabhängigkeit immer als typisches Arbeitswerkzeug der knapp 200 Millionen Dalits, wie Angehörige der früher als Unberührbare bekannten untersten Hindu-Kaste heißen. Am heutigen Montag werden knapp 5000 Wahlmänner des Landes, 71 Prozent von ihnen Millionäre und gut 30 Prozent vor Gericht angeklagt, ein neues Staatsoberhaupt bestimmen, das den Supdu längst hinter sich gelassen hat.

5000 Wahlmänner wählen in Indien

Für die oppositionelle Kongresspartei der Politikerdynastie der Gandhis tritt Indiens erste weibliche Parlamentssprecherin Meira Kumar, eine Dalit aus Patna im indischen Bundesstaat Bihar auf verlorenem Posten an. Denn der 71-jährige Dalit und Rechtsanwalt Ram Nath Kovind aus einem kleinen Dorf nahe der Stadt Kanpur am Ganges, der von der in Delhi regierenden hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) unter Premierminister Narendra Modi aufgestellt wurde, dürfte fast zwei Drittel der Wahlmänner hinter sich vereinen.

Ein Dalit im Rashtrapati Bhavan ist alles andere als neu für Indien. Schon um die Jahrtausendwende residierte dort mit Kocheril Raman Narayanan ein Angehöriger der verpönten Bevölkerungsgruppe als Staatsoberhaupt. Doch diesmal weitet Hindunationalist Modi mit seinem Mann Nath Kovind nicht nur die Kontrolle über den indischen Staatsapparat aus. Er setzt auch ein wichtiges Symbol im Kampf um die zukünftige Herrschaft über Indien durch die BJP.

Hindunationalisten mit anti-islamischer Rhetorik

„Politisch waren die Dalits in der indischen Geschichte noch nie so wichtig wie heute“, sagt Menschenrechtsanwalt Ravi Nair vom South Asia Human Rights Documentation Center in der Hauptstadt Delhi. Die Harijan (Kinder Gottes), wie Unabhängigkeitsführer Mahatma Gandhi sie einmal nannte, stellen 16,6 Prozent der Bevölkerung dar.

Da die Hindunationalisten mit ihrer anti-islamischen Rhetorik Muslime weitgehend vergrätzt haben, braucht die BJP die Dalits für zukünftige Wahlsiege – in einer Zeit, in der die Wut der Dalits wächst.

Es gibt viele Gründe. Ein Studentenführer wurde von hindunationalistischen Kommilitonen im vergangenen Jahr an der Delhi Universität in den Selbstmord getrieben. Vier Dalits wurden im Bundesstaat Gujarat, der Heimat von Premier Modi, öffentlich ausgepeitscht, weil sie angeblich mit Kühen gehandelt hatten.

Dalits ausgepeischt

Ein landesweites, erst vor wenigen Tagen vom Obersten Gericht wieder aufgehobenes Verbot der Kuhschlachtung bracht Hunderttausende von Dalits um ihre Jobs. Außerdem stampfte die Modi-Regierung an 35 Universitäten die Mittel für Studiencenter ein, die sich um „sozialen Ausschluss und Integrationspolitik“ kümmerten und in denen größtenteils Dalit-Intellektuelle arbeiteten. Eine Statistik eines dieser Zentren beleuchtet deren Alltag: Mit 16,6 Prozent Bevölkerungsanteil stellen sie 21,6 Prozent der indischen Gefängnisinsassen.

Präsidentschaftskandidat Nath Koind, der schon in jungen Jahren in die radikale hindunationalistische Kadertruppe ÜRSS (Reichsfreiwilligenkorps) eintrat, wirkt dagegen wie eine hindunationalistische Modell-Dalit. Der Wahlspruch des Anwalts, der zuletzt als Gouverneur im Bundesstaat Bihar amtierte: „Alle sollten so hart arbeiten wie ich, um Erfolg zu haben“. Vor sieben Jahren bezeichnete der zukünftige Präsident des Vielvölkerstaats Indien die Religion des Christentums und Islams als „fremdartig“.

Ob das Staatsoberhaupt freilich immer den erwarteten Respekt seiner von Brahmanen dominierten Partei genießen wird, stellte zumindest der Ministerpräsident Yogi Adityanath in Nath Kovinds Heimatstadt Uttar Pradesh in Frage. Der rabiate Hindunationalist und Brahmane ließ nach seiner Amtsübernahme im vergangenen Jahr als erstes eine rituelle „Shuddikaran“ (Waschung) seines Amtsbüros vornehmen. Der Grund: Zuvor hatte ein Nicht-Brahmane dort die Geschäfte geführt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Indien

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen