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Indien Riskante Eskalation in Kaschmir

Indien stellt Pakistans atomare Erstschlagdoktrin auf die Probe. Ein riskantes Unterfangen.

Aktivisten verbrennen eine Puppe des indischen Premierministers Modi. Foto: afp

Rund 200 000 Bewohner kleiner Dörfer entlang der Grenze zu Pakistan in der indischen Provinz Punjab packen ihr Hab und Gut und fliehen ins Landesinnere. Manche behaupten, Innenminister Rajnath Singh in Delhi habe einen Evakuierungsbefehl erteilt. Andere sagen, sie machten sich ohne Anordnung auf den Weg. Die Dörfler leben zwar Hunderte von Kilometern von der Kaschmir-Region entfernt, in der indische Spezialeinheiten in der Nacht zum Donnerstag angeblich einen „chirurgischen Angriff“ auf der pakistanischen Grenzseite ausführten. Während Fernsehsender und Zeitungen die Attacke mit nationalistischem Überschwang feiern, wissen die Grenzbewohner vom Punjab, wie riskant das Leben an der gemeinsamen Grenze sein kann, wenn die Atommächte Indien und Pakistan sich in den Haaren haben.

Beobachter in der indischen Hauptstadt erklären den Angriffsbefehl des hindunationalistischen Premierministers Narendra Modi mit innenpolitischem Druck und hohen Erwartungen. Damit habe der Regierungschef auf den Tod von 20 Soldaten im Stützpunkt Uri nach einer Attacke von kaschmirischen Untergrundkämpfern geantwortet. Tatsächlich stellt Delhi die vom ewigen Feind Pakistan verkündete Nukleardoktrin und die Balance des atomaren Schreckens in Südasien auf die Probe.

Islamabad behält sich im Fall einer indischen Attacke jedweder Art das Recht des atomaren Erstschlags vor. Die Doktrin ist umso explosiver, seit Islamabads Generäle Mini-Nuklearsprengköpfe besitzen, die für den lokal begrenzten Einsatz bestimmt sind. Mit der Darstellung aus dem Hauptquartier der pakistanischen Streitkräfte in Rawalpindi, der „chirurgische Angriff“ aus Indien sei eine „Illusion“, weil er nicht stattgefunden habe, drückte Islamabad sich mehr oder weniger geschickt vor dem Eingeständnis, dass Pakistan vor einer atomaren Antwort zurückschreckte.

Indien scheint trotz Atombomben auf beiden Seiten zu begrenzten konventionellen Angriffe gegen Pakistan in der Lage zu sein. Delhi behauptet dies seit den indischen Atomtests im Jahr 1998, mit denen Atal Bihari Vajpayee Südasiens atomares Wettrüsten lostrat. Sein Parteikollege Modi testete die These nun fast 20 Jahre später offenbar erstmals in der Praxis – und hatte Erfolg.

Machtkampf der Generäle

Nach monatelangen Unruhen im indisch kontrollierten Teil von Kaschmir mit mittlerweile 80 Todesopfern aufseiten der Bevölkerung, denen Delhi nur mit Notstandsmaßnahmen und einer nahezu permanenten Ausgangsperre beizukommen wusste, nutzte Modi Wochen der Schwäche bei der pakistanischen Militärführung.

Pakistans Generäle stecken seit Wochen in einem erbitterten Macht- und Richtungskampf. Oberbefehlshaber Raheel Sharif, der während seiner Amtszeit seit dem Jahr 2013 in erster Linie Terrorgruppen innerhalb der eigenen Grenzen bekämpfte, steht kurz vor der Versetzung in den Ruhestand. Bereits sein Vorgänger musste sich immer wieder gegen die Generalskollegen behaupten, die Indien – und nicht den Terror – für die größte Bedrohung in Pakistan hielten.

Diese Hardliner wollen wieder die Oberhand gewinnen. Sie unterwanderten mit Erfolg Friedensverhandlungen der afghanischen Talibanmilizen mit der Regierung im benachbarten Afghanistan. Sie düpieren nach Belieben die zivile Regierung in Islamabad. Sie torpedierten alle Versuche des gewählten Premierminister Nawaz Sharif, die Fronten zwischen Indien und Pakistan aufzuweichen.

Noch ist Pakistans Machtkampf der Generäle nicht entschieden. Selbst ein Verbleib des Oberkommandeurs Rahul Sharif scheint nicht mehr ausgeschlossen. Indiens Premierminister Modi nutzte nun die vermeintliche Gunst der Stunde und ließ losschlagen.

Er wirft Pakistan vor, den Terror zu schüren, um innenpolitisch Vorteile zu gewinnen und in Südasien neue Fronten zu ziehen. Bereits vor einigen Tagen überredete Modi Bangladesch und Bhutan, gemeinsam mit Delhi das diesjährige Gipfeltreffen der südasiatischen Staatengemeinschaft SAARC in Islamabad zu boykottieren. Delhi drohte, einen Vertrag über die Nutzung des Indus-Flusses, der unter anderem aus dem indischen Teil Kaschmirs gespeist wird, zu überprüfen. Außerdem ermunterte Modi die in Kabul untergeschlüpfte Führungsgruppen von drei Untergrundgruppen zu mehr Aktionen, die seit Jahren Pakistans verarmte Provinz Baluchistan unsicher machen.

Südasien ist auf dem besten Weg, wieder zu einem der gefährlichsten Zündfässer der Welt zu werden.

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