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Indien Miliz gegen „Liebesdschihad“

Im Bundesstaat Uttar Pradesh bedrohen Hindunationalisten die muslimische Minderheit. Der Ministerpäsident stützt sich auf die Moped-Gang, die er mitgründete.

Unnao
Sorgen unter Muslimen für Angst und Schrecken: Mitglieder der Miliz auf den Straßen der Stadt Unnao. Foto: rtr

Die Burschen in der orangefarbenen Stube platzen vor Selbstbewusstsein. Ihr lokaler Führer Nagendra Singh Tomar hat ihnen gerade in dem Zimmer in dem Städtchen Saharanpur im Westen des indischen Bundesstaats Uttar Pradesh klargemacht, „wir waren Opposition, wir waren lästig. Das ist vorbei. Jetzt nimmt die Polizei uns Ernst.“ Seit der Gründung der Hindu Yuva Vahini (HYV) im Jahr 2002 durch den jetzigen hindunationalistischen Ministerpräsidenten Yogi Adityanath im bevölkerungsreichsten Bundesstaat wurde seine Miliz auf Mopeds eher ausgelacht. Jetzt sind sie plötzlich das Gesetz.

„Wir haben unsere Leute überall“, brüstet sich einer der Männer in dem Raum, dessen Wandbehänge, Tischdecken und Bodenbeläge ebenso in Safranfarben gehalten sind wie der Rahmen des überlebensgroßen Porträt ihres Führer Adityanath. „Wenn irgendwo etwas passiert, sind wir in fünf Minuten da.“ Eine eigene Whatsapp-Gruppe hilft den Vigilanten, schneller zu sein als die Polizei.

Dajit Singh Chawdhary, der stellvertretende Generaldirektor der Polizei in Uttar Pradesh sieht die Privatmiliz trotzdem nicht als Risiko. „Jeder kann uns Tipps geben“, sagt er, „bislang gibt es zudem keine Vorwürfe gegen die Gruppierung.“ Dabei zeigten einige seiner Kollegen erst vor ein paar Tagen in der Stadt Meerut HYV-Mitglieder wegen Voyeurismus und Randalierens an. Sie hatten ein Haus gestürmt, eine junge Frau zur Polizeistation gezerrt und ihren Freund sowie dessen Bruder verprügelt. Die drei waren Muslime. Die Hindu-Fanatiker unter dem Kommando des Ministerpräsidenten waren überzeugt, einem Fall von „Liebesdschihad“ auf die Spur gekommen zu sein.

Indien Hindunationalisten behaupten, muslimische Jungen würden Hindu-Mädchen verführen und zur Konvertierung zwingen. „Sie glauben gar nicht, was diese Missionare sich einfallen lassen, um Leute zum Glaubenswechsel zu verführen“, predigt HYV-Funktionär Tomar. Die Miliz untergräbt mit ihrer Aktion „Zurückbekehrung“ gar ein Programm zum Schutz von Frauen in Uttar Pradesh. 64 Sondereinheiten der Polizei wurden ursprünglich gegründet, um Frauen des Bundesstaats vor sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen zu schützen. Unter dem Druck der HYV-Milizen wurden sie zu sogenannten „Anti-Romeo-Einheiten“ umfunktioniert. Hauptaufgabe: Sie sollen verhindern, dass junge Leute sich zu einem romantischen Stelldichein treffen.

„Jahrhundertelang haben die Muslime dieses schmutzige Spiel der Bekehrung gespielt“, sagt ein HVY-Mitglied und schwingt ein blankgezogenes Schwert, „jetzt können wir gegen sie kämpfen“.

Indiens islamische Minderheit, die insgesamt 14 Prozent und in Uttar Pradesh rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmacht, wagt sich kaum noch aus ihren Häusern, wenn die HYV-Horden mit gezückten Schwerter auf ihren knatternden Mopeds durch die Dörfer und Städte rasen. „Muslime müssen endlich lernen, dass sie auch Kinder von Ram und Krishna sind“, sagt der HYV-Vertreter Tomar in Saharanpur.

Eine der ersten Maßnahmen nach der Amtsübernahme Yogi Adityanaths als Ministerpräsident von war die Schließung aller „nicht-lizensierter Schlachthäuser“ von Büffel und Kühen in Uttar Pradesh, die fast ausnahmslos von Moslems betrieben werden. „Innerhalb von 24 Stunden wurden 45 000 kleine Fleischläden dichtgemacht“, brüstet sich ein HYV-Mitglied, „das ging nur dank unserer Informanten“. Rinder dürfen auf dem Subkontinent schon seit Jahren nicht geschlachtet werden, weil die Kuh den Hindus als heilig gilt. Uttar Pradesh hat rund 16 Millionen Rindviecher und Büffel. Die HYV-Miliz bedroht längst die lukrative Büffelfleischexporte im Wert von jährlich vier Milliarden US-Dollar.

Das ficht die HYV nicht an. Täglich sollen gegenwärtig rund 5000 Anträge auf Mitgliedschaft eingehen. Bereits zwei Millionen Mitglieder sollen dabei sein. „Wir sind Yogis Geparden, wir von seiner Stärke“, lautet ihr Motto.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Indien

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