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Indien Alptraum-Reich der Hindu

Gegner von Premier Modi sehen in Indien ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Religiöse Eiferer fühlen sich ermutigt und terrorisieren Andersdenkende. Die Regierung schaut dabei weg.

Radikale von der komischen Gestalt: Angehörige der Hindu-Organisation RSS beim Training. Foto: Amit Dave/rtr

„Sie umzingelten uns und drohten, mein Bein zu häuten“, erzählte der Australier Matt Gordon geschockt der Zeitung „The Hindu“. Der 21-Jährige aß gerade mit seiner Freundin Emily in Bangalore zu Mittag, als eine Gruppe Männer begann, ihn zu beschimpfen. Grund: Der Student hat eine Hindu-Göttin auf seinem Schienbein tätowiert, was die Männer als religiösen Affront betrachteten. Polizisten brachten Gordon schließlich auf die Wache und zwangen ihn, sich schriftlich zu entschuldigen. „Dies ist Indien und man kann nicht ein solches Tattoo auf dem Bein tragen“, sagte der Polizist dem Australier.

Die Vorfall ist nur der jüngste in einer ganzen Serie von religiös motivierten Übergriffen, die das Klima im Gandhi-Land vergiften. Bisher war Indiens religiöse Toleranz legendär, doch nun vergeht kaum noch ein Tag, an dem nicht Angriffe von Hindu-Fanatikern Schlagzeilen machen. Medien sprechen bereits von einer „hate wave“, einer „Welle des Hasses“, die durchs Land schwappt.

Muslime sollen sterben

Gegner von Premier Narendra Modi sehen ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Seit Modi und seine hindunationalistische Partei BJP vor 18 Monaten die Macht übernahmen, fühlen sich religiöse Eiferer ermutigt. Viele der Fanatiker agieren im Dunstkreis der BJP oder sind, wie die Shiv Sena in Mumbai, ihre Koalitionspartner. Sie reklamieren, Indien sei das Land der Hindus – und Andersgläubige wären nur geduldete Gäste.

Vor allem den Status von Kühen, die die 80 Prozent Hindus unter den über 1,2 Milliarden Indern als heilig ansehen, peitschen die Hardliner zum tödlichen Politikum hoch. Immer mehr Bundesstaaten verbieten das Schlachten von Rindern, obwohl diese für viele Muslime eine wichtige Nahrungs- und Einkommensquelle sind. „Muslime dürfen weiter in diesem Land leben, aber nur wenn sie das Essen von Rindfleisch aufgeben“, giftete Manohar Lal Khattar, BJP-Regierungschef von Haryana. Die Hindu-Kaderschmiede RSS legte nach, „Sünder“, die Kühe schlachteten, müssten getötet werden.

Wie aggressiv die Stimmung ist, zeigte sich im Dorf Bisada nahe der Stadt Dadri in Uttar Pradesh nur knapp 60 Kilometer vor den Toren der Hauptstadt Delhi. Dort zerrte ein Mob am 28. September den 50-jährigen Muslim Mohammed Akhlaq aus seiner Hütte und lynchte ihn, nur weil ein Hindu-Priester ihn bezichtigt hatte, er habe eine Kuh geschlachtet und gegessen. Einige Täter sollen Bande zur BJP haben, berichteten Medien. Bereits Ende August wurde der 76-jährige Autor Malleshappa M. Kalburgi in seinem Haus von Unbekannten erschossen, offenbar weil er in seiner Kritik am Aberglauben auch Rituale des Hinduismus kritisiert hatte. Vergangene Woche überfielen Schlägertrupps der Shiv Sena in der Finanzmetropole Mumbai den Thinktank-Chef Sudheendra Kulkarni und „brandmarkten“ sein Gesicht mit schwarzer Farbe, weil er das neue Buch eines pakistanischen Ex-Außenministers vorstellte. In Delhi wurde ein muslimischer Politiker ebenfalls „geteert“, weil er für das Recht der Muslime eintrat, Rindfleisch zu essen. Immer wieder überfallen Hindu Fleischtransporte. „Sie töten uns und schwärzen unsere Gesichter“, klagt der Minderheitenminister des Bundesstaates Uttar Pradesh, Azam Khan, ein Muslim. „Wir wissen nicht, wohin und an wen wir uns wenden können.“

Schaden für den Premier

Die Gewaltwelle droht nicht nur dem Image Indiens zu schaden, sondern auch dem von Modi und seiner BJP. Kritiker werfen seiner Regierung vor, die religiösen Brandstifter weitgehend gewähren zu lassen. Erst nach zwei Wochen rang sich Modi durch, den Mord an Mohammad Akhlaq als „traurig und unerwünscht“ zu verurteilen.

Aus Protest gegen die wachsende Intoleranz gaben nun über 40 Autoren, Wissenschaftler und Poeten den renommierten Preis der staatsnahen Literaturakademie Sahitya zurück. Angeführt wurden sie von der Autorin Nayantara Sahgal, einer Nichte von Indiens erstem Premierminister Jawaharlal Nehru. Die Attacken der Extremisten seien ein „Versuch, die Idee Indiens zu zerstören“, sagte sie dem „Indian Express“. Auch Präsident Pranab Mukherjee, der der Kongresspartei angehört, ist mehr als beunruhigt. Gegen alle Gepflogenheiten mischte er sich mehrmals in die aktuelle Debatte ein und beschwor Indiens sprichwörtliche Toleranz und Vielfalt. Diese seien, so warnte er, in Gefahr.

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