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Identitäre Bewegung Die Neue Rechte mit den Waffen des Feindes

Die Neue Rechte hat „Aktivisten“ vorzuweisen, die mit linken Methoden in die Offensive gehen. Damit übernimmt sie die revolutionären Aktionsformen der 68er.

Identitäre
Eine Wunderkerze macht noch keinen Sponti: Identitäre auf dem Podium des Antaios-Verlags auf der Buchmesse 2017. Foto: Michael Schick

Kubitscheks Kaderschule ist für die Neue Rechte nachgerade zum Sehnsuchtsort geworden, wo bereits über Diskurs- und Deutungsmacht theoretisiert wurde, als die AfD noch NPD hieß. Nicht Anleitungen zum Bombenbau ersannen die Rechtsintellektuellen hier, sondern sie mischten die giftigen Ingredienzien einer Diskursinfektion zusammen – die wohl Wirkmächtigste: Der Einwanderer als Sündenbock, und die Multikulturelle Gesellschaft – Erbschaft der 68er Generation –als Sterbehelfer des Abendlandes. Es sind diese kulturkämpferischen und rassistischen Denkfiguren, die tief eingedrungen sind in die DNA der AfD.

Feindlogik oder „Rudi Dutschke von rechts“

Wenn man Götz Kubitschek auf seinem Hof besucht, dann sagt er umgeben von Ziegen, die Identitäre Bewegung sei ein Teil der Hoffnung, die er für sein Volk im Entscheidungskampf ums eigene Überleben noch habe. Es scheint vor allem diese selbsternannte rechte „Avantgarde“ der Identitären, die seit ihrer Entstehung 2012 in Frankreich mit ihren linken Aktionsformen tatsächlich einigermaßen erfolgreich Furore macht: Mit der Erstürmung von Theateraufführungen, der Besetzung von Parteizentralen scheinen sie ungleich erfolgreicher darin, die Blicke auf sich zu zwingen, als das Kubitschek 2008 gelang. Wenn Martin Sellner, Chef der Identitären in Wien und wohl eines der größten politischen Talente der radikalen Rechten im deutschsprachigen Raum, im Antaios-Verlag in Schnellroda einen Essay veröffentlicht, schwadroniert er darin von Feindlogik. Spricht man persönlich mit ihm, schwärmt er dagegen vom gewaltlosen Widerstand Gandhis – und vom eigenen Idealismus. Wird aber Pegida zu einer „APO von rechts“ und Martin Sellner zu einem „Rudi Dutschke von rechts“ verklärt, wie es Kubitschek seinen Besuchern gegenüber gerne tut, dann ist die Mimikry mit der Linken fast perfekt.

Aber wer braucht heute noch die Identitären, wenn die Heimatministerien aus dem Boden spießen wie Pilze, Sigmar Gabriel die „kulturelle Identität“ zur Schicksalsfrage erklärt und Alexander Dobrindt die 68er zu Sündenböcken der Nation? Wie die 68er im langen sozialdemokratischen Jahrzehnt scharenweise in die SPD eintraten und den sprichwörtlichen „Marsch durch die Institutionen“ antraten, so halten es heute auch die neuen Rechten und Rechtsextremen. AfD-Parlamentarier können demokratisch legitimiert Anträge stellen, die Mittel für das Gorki-Theater in Berlin zu kürzen, weil dessen Intendantin Shermin Langhoff ihr postmigrantisches Theatervolk zur „Wahren Alternative für Deutschland“ erklärt. Stattdessen werden die Mittel einer AfD-Stiftung direkt in das inoffizielle Propagandaministerium der Partei fließen, das Institut für Staatspolitik in Schnellroda.

Die Querfront-Strategie der Neuen Rechten trägt bewusst zu dem Verwirrspiel bei, „rechts“ und „links“ seien keine relevanten politischen Kategorien mehr. Dabei ist es eben nicht dasselbe, ob man für die große Deportation wirbt oder ob man Widerstand leistet gegen eine aggressiv völkische, tief rassistische „Heimat“-Ideologie.

Manuel Gogos, Jahrgang 1970, ist freier Autor und Ausstellungsmacher. Er kuratierte 2008 die Ausstellung „Die 68er. Kurzer Sommer – lange Wirkung“ im Historischen Museum Frankfurt. Gogos betreibt die „Agentur für Geistige Gastarbeit“.

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