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Ibrahim Abou-Nagie Mittelalterliche Missionare

Der Islamist Abou-Nagie gibt sich moderat – doch seine Überzeugungen sind radikal. Insgesamt 25 Millionen islamische Glaubensbücher möchte er mit seiner Organisation „Die wahre Religion“ in den nächsten Monaten in Deutschland verteilen.

Verteilaktion der Salafisten von kostenlosen Koranexemplaren. Foto: dapd

Nein, als Salafist möchte Ibrahim Abou-Nagie lieber nicht gelten. Er sei gar kein Salafist, behauptet der Kölner Geschäftsmann von sich selbst. Ihn so zu bezeichnen, zeuge einmal mehr von der vorherrschenden Unkenntnis in Deutschland. „Ich bin ein Muslim, der dem Koran folgt“, sagt Abou-Nagie.

In seinem Auftrag sollen an diesem Samstag in fast 40 Städten bundesweit, darunter Berlin und Frankfurt, Korane kostenlos verteilt werden. Insgesamt 25 Millionen islamische Glaubensbücher möchte Abou-Nagie mit seiner Organisation „Die wahre Religion“ so in den nächsten Monaten im deutschsprachigen Raum unters Volk bringen.

Die deutschen Sicherheitsbehörden betrachten den 47-Jährigen als einen von etwa einem Dutzend führenden Köpfe der hiesigen Salafisten-Szene. Die Staatsanwaltschaft Köln hat ihn angeklagt wegen öffentlicher Anstiftung zu Straftaten und Störung des religiösen Friedens.

Gestutzter Bart, blumige Worte

Dabei scheint Abou-Nagie zunächst gar nicht ins Bild des geifernden Hasspredigers zu passen. In seinen Vorträgen, die zum Teil im Internet abrufbar sind, erklärt der Mann mit den freundlichen Augen und dem gestutzten Vollbart ruhig und in blumigem Stil seine Lesart des Koran ? in nahezu makellosem Deutsch.

Wer aber genau hinhört, was Abou-Nagie dort erzählt, erhält schnell Hinweise darauf, dass der freundliche Prediger einer sehr strikten und rückwärtsgewandten Lesart des Islam folgt, die Entwicklungen der vergangenen 1?200 Jahre unberücksichtigt lässt. „Die wahre Religion“ leitet ihr Glaubensbild allein vom Koran sowie den Überlieferungen der „rechtschaffenden Altvorderen“ ab, die in den Jahren nach dem Tod des Propheten 632 entstanden sind. Die Scharia wird als einzig gültiges Gesetz akzeptiert. Und das Schönste, was es für einen Gläubigen geben könne, so Abou-Nagie, sei der Märtyrertod.

So zieht der Kölner eine klare Grenze zwischen den „Wissenden“, und den Ungläubigen, den „Kuffar“, worunter nicht nur Juden und Christen, sondern auch weniger orthodox-lebende Muslime zu verstehen sind.

Der islamische Kalifatstaat ist das Ziel

Penibel achtet der Prediger wie auch andere führende Figuren der deutschen Salafisten-Szene darauf, keine strafrechtlich relevanten Aussagen zu tätigen. Sie streben zwar die Abschaffung des demokratischen Rechtsstaats zu Gunsten der Errichtung eines islamischen Kalifatstaats an. Doch sie äußern sich, wie die Fachleute der Behörden es bezeichnen, zumeist „legalistisch“, also im Rahmen des Erlaubten, was ein juristisches Vorgehen gegen sie erschwert.

Der Verfassungsschutz blickt seit knapp zwei Jahren sehr genau auf die Szene der Salafisten, die gegenwärtig den größten Zulauf unter den verschiedenen extremistischen Islamgruppen in Deutschland verzeichnet. Die Sicherheitsbehörden beziffern die Größe dieser Szene auf etwa 4000 Mitglieder, mit steigender Tendenz. Offenbar fühlen sich gerade junge Muslime durch die strikte und rückständige Auslegung des Islam angesprochen.

Der Salafismus hat allen bekannten islamistischen Terroristen mit Deutschlandbezug als Durchgangsstation gedient, bevor sie sich weiter radikalisierten und Gewalttaten verübten.

Dabei nutzen die Salafisten das Internet so professionell wie kaum eine andere islamistische Organisation. Attraktive Internetseiten mit Chatfunktionen und Blogs führen die Jugendlichen an Gruppen wie „Die wahre Religion“, „DawaFFM“ oder die Gruppe „Einladung zum Paradies“ des konvertierten Predigers Pierre Vogel heran.

Vogel avancierte in den Medien eine Zeit lang zum Star der Salafisten und trat in Talkshows auf. Inzwischen hat sich sein Verein in Folge staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen selbst aufgelöst, Vogel reiste vor einiger Zeit nach Ägypten aus, was auch erklärt, weshalb er zuletzt kaum öffentlich mehr in Erscheinung getreten ist. Im März soll er sich einige Tage in Österreich aufgehalten haben.

Die Zentren des Salafismus in Deutschland sind in Berlin, im Rhein-Ruhr-Gebiet, dort vor allem in den Städten Bonn und Solingen, sowie in Frankfurt am Main und in Ulm zu finden.

Profilierungsversuch in der Salafistenszene ?

Die Sicherheitsbehörden werten die aktuelle Koran-Aktion von Abou-Nagie auch als einen Profilierungsversuch, sich zur prägenden Figur der Salafistenszene hierzulande aufzuschwingen. „Denn alle führenden Köpfe stehen in einem gewissen Konkurrenzverhältnis zueinander“, sagt ein Experte. So komme dem Kölner nun die mediale Aufmerksamkeit gerade recht. In einem Eintrag auf seiner Facebook-Seite ruft Abou-Nagie seine Anhänger folgerichtig zu Ruhe auf: „Sie machen nur Werbung für den Koran. Wir bekommen im Minutentakt Bestellungen von Nicht-Muslimen.“ (mit hel. und mdc.)

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