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Hungersnot in Afrika „Das ist auch menschengemacht“

Günter Nooke, der Afrika-Beauftragte von Kanzlerin Merkel, macht auch das Engagement von China in der Dritten Welt für Fehlentwicklungen verantwortlich. Ein Gespräch über die Ursachen für den Hunger.

28.07.2011 17:38
Frauen und Kinder suchen Zuflucht in Mogadischu. Foto: REUTERS

Herr Nooke, erst vor drei Wochen war Kanzlerin Merkel in Afrika. Doch da ging es eher um deutsche Patrouillenboote für Angola als um die Hungerkatastrophe. Wie kann das sein?

Es ging vor allem um Wirtschaftspartnerschaften und natürlich auch um die Hungersnot. Die Dürrekatastrophe wurde in allen Gesprächen in Kenia thematisiert und auch, wie die Landwirtschaft in Afrika reformiert werden kann. Und schon damals wurde Soforthilfe für das Flüchtlingslager Dadaab bereitgestellt.

Es ging um eine Million Euro. Hat auch die Bundesregierung die Katastrophe unterschätzt?

Erste Hinweise dafür, dass sich am Horn von Afrika eine schlimme Lage entwickeln könnte, gab es schon vor Monaten. Die Menschen hatten begonnen, das Saatgut aufzuessen. Andererseits wollen wir, dass die Länder immer auch alle eigenen Ressourcen mobilisieren. Das Ausmaß der Katastrophe, wie es sich jetzt darstellt, übersteigt aber alle Befürchtungen. Das war so nicht absehbar.

Was ist die Ursache für die Krise?

Die Dürre allein ist es jedenfalls nicht. In Somalia herrscht seit 20 Jahren Bürgerkrieg. Wir haben dort keine funktionierenden staatlichen Strukturen, es ist ein gescheiterter Staat. Kaum einer hat dort Interesse daran, sich um die Bevölkerung zu kümmern.

Äthiopien und Kenia sind vergleichsweise stabil. Warum ist die Lage dort auch dramatisch?

Den Menschen aus Somalia bleibt nur die Flucht, wenn es nichts mehr zu essen gibt. Hunderttausende Flüchtlinge bringen wiederum auch besser organisierte Länder wie Kenia in Probleme. Im Falle Äthiopiens besteht der Verdacht, dass der umfangreiche Landverkauf an ausländische Unternehmen oder an Staaten wie China, die dort industrielle Landwirtschaft betreiben wollen, für eine kleine Elite sehr attraktiv ist. Der breiten Bevölkerung würde mehr nutzen, wenn die Regierung sich um den Aufbau besserer eigener landwirtschaftlicher Produktionsstrukturen kümmerte. Klar ist auf alle Fälle: Die Katastrophe ist auch menschengemacht.

Was muss langfristig geschehen?

Voraussetzung sind verantwortlich handelnde Regierungen mit einer funktionierenden Verwaltung. Grundsätzlich hat Afrika gute Bedingungen für eine ausreichende Lebensmittelversorgung. Oft sind zwei bis drei Ernten möglich. Allen Experten ist aber klar, dass die traditionelle Landwirtschaft durch Kleinbauern nicht mehr ausreicht. Die Flucht in die Städte stellt ein zusätzliches Problem dar. Zum anderen zeigt die gegenwärtige Katastrophe, wie wichtig Bewässerungssysteme, eine richtige Lagerhaltung oder der Einsatz von dürreresistenten Pflanzen sind. Das ist kostspielig. Dafür muss eine industriell betriebene Landwirtschaft aufgebaut werden. Wir wollen das stärker fördern.

Die Chinesen tun ja genau das.

Es ist nicht alles schlecht, was China in Afrika macht. Aber Lebensmittel nur für den Export zu erzeugen, kann noch zu großen sozialen Konflikten in Afrika führen, wenn dadurch Kleinbauern der Boden und damit ihre Lebensgrundlage entzogen wird. Das chinesische Engagement hat vielleicht einen Vorteil: Es wird sich zeigen, wie industrielle Landwirtschaft in Afrika effektiv betrieben werden kann.

Aber die Afrikaner können doch gar nicht mit den hoch subventionierten Lebensmitteln aus Europa konkurrieren.

Auch deshalb müssen und wollen wir die Agrarsubventionen schrittweise abbauen. Doch das liegt nicht allein in der Macht der Bundesregierung. Hier sind auf europäischer Ebene noch dicke Bretter zu bohren.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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