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Horst Seehofer Bayerischer König auf Zeit

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer ist der CSU heilig, solange die Wahlergebnisse stimmen. Am Montag sagt er, ob er weitermacht.

Horst Seehofer
Der CSU-Chef war und ist in seiner Partei übermächtig. Will er es auch bleiben? Foto: Peter Kneffel (dpa)

Es passiert durchaus, dass Horst Seehofer sich zurückzieht. In Schamhaupten im Altmühltal, in seinem Ferienhaus, eine halbe Stunde Autofahrt von seinem Heimatort Ingolstadt, geht der Ministerpräsident dann in den Keller zu seiner Modelleisenbahn. „Ab und zu dringt ein Schrei nach oben“, hat seine Frau Karin einmal erzählt. „Dann werd‘ uns wieder was vorg’führt.“ Was kann man so vorführen bei einer Spielzeugbahn? Neue Strecken vielleicht, neue Figuren, Entgleisungen.

Auch aus der Politik zieht Horst Seehofer sich immer wieder mal zurück, er ist dann einfach mal nicht erreichbar. Manchmal geht er ins Kloster, er hat sich auch schon in seiner Berliner Wohnung verschanzt. Über Ostern hat er sich in diesem Jahr mit Familie und Freunden beraten. Es geht um seine politische Zukunft, um die des Parteichefs, des Ministerpräsidenten, des obersten Kanzlerinnen-Triezers.

Am Montag will der 67-Jährige den Vorstandsgremien der CSU mitteilen, wer künftig an der Spitze der Partei stehen soll. Der Schrei, der nach außen dringen wird: Ich. Oder: Ich nicht. Aller Voraussicht nach wird es ersterer. Neue Strecken, neue Figuren, neue Entgleisungen? Offiziell geht es um die Spitzenkandidatur für den Bundestag, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann scheint da die besten Aussichten zu haben, weil Sicherheit eines der CSU-Hauptthemen im Wahlkampf werden soll.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt ist auch irgendwie noch im Spiel, weil er für die CSU die Maut durchgesetzt hat. Aber so ein Renner ist die Maut dann nun auch wieder nicht. Tatsächlich haben Herrmann und Dobrindt sowieso nur Nebenrollen. Der Hauptdarsteller bleibt wohl Seehofer.

„Ich werde bei der nächsten Landtagswahl nicht mehr kandidieren“, hatte Seehofer 2015 angekündigt. Wenig später erklärte er seine erneute Kandidatur für möglich, brachte dann wieder einen „Mister X“ als Nachfolger ins Gespräch.

Er verkündete sowohl, dass Ministerpräsidentenamt und Parteivorsitz in eine Hand gehörten, als auch, dass er überlege, den Vorsitz abzugeben.

Jetzt verabschiedete er sich in die Ostertage mit einem Stern-Interview und den Worten: „Ich bin wirklich noch hin- und hergerissen. Ich weiß es einfach noch nicht.“ Er kündigte einen Gesundheitscheck an. Und versicherte zugleich, er sei garantiert nicht dienstunfähig.

Will er das Modell Sigmar Gabriel wählen – also überraschend zurücktreten, einen anderen vorlassen, der ohnehin schon drängelt und der die Partei in Begeisterungsstürme versetzt? Einen Drängler hätte die CSU ja: den bayerischen Finanzminister Markus Söder. Aber so viel Zuwendung der Partei, wie sie Martin Schulz durch die SPD erfährt, kann der aggressive Söder kaum erwarten. Also doch Modell Merkel – noch mal selbst antreten?

Seit neun Jahren ist Seehofer Chef der einzigen Partei Deutschlands, die seit Jahrzehnten absolute Mehrheiten erringt. Er ist – nach Wahrnehmung der CSU – derjenige, der die Partei vor der Gewöhnlichkeit und damit vor dem Zerfall bewahrt hat, weil unter seiner Führung der Verlust der absoluten Mehrheit im Landtag nach einer Wahlperiode wieder vorbei war.

Er hat die Partei, wie es dort heißt, aus dem Tal der Tränen geführt und damit eine Art Heiligenstatus erreicht – ausgerechnet Horst Lorenz Seehofer, der schon mehrfach im Abseits zu stehen schien: 2004, als er im Streit um die Gesundheitsreform-Pläne der Union als Vize-Chef der Bundestagsfraktion zurücktrat. Und 2007 verlor er nach dem Putsch gegen Edmund Stoiber das Rennen um dessen Nachfolge, auch weil eine Liebesaffäre mit Nachwuchs ans Licht kam.

Der Seehofer ist nicht ganz verschwunden, sondern nach ganz oben gerückt. Und er ist ja auch noch Ministerpräsident Bayerns, der „Vorstufe des Paradieses“, wie die CSU es nennt. Unter den Ministerpräsidenten, alles kleine Regionalkönige, ist der Bauarbeiter-Sohn Seehofer der größte König. Und König Horst betont seine Herkunft aus kleinen Verhältnissen häufig.

„Wir waren darauf angewiesen, dass er am Freitagnachmittag die Lohntüte nach Hause brachte, dann konnten wir etwas zu essen kaufen. Wir haben aber auch Arbeitslosigkeit erlebt. Das werde ich nie vergessen“, hat er einmal gesagt. Darin steckt der Hinweis, dass er mit dieser Vergangenheit auf keinen Fall abgehoben sein kann. „Segnend durchs Land zu streifen und sich beklatschen zu lassen, ist für einen Narziss das Höchste auf Erden“, bemerkt dagegen einer aus der CSU, offenkundig kein enger Freund.

Seehofer hat im Interview mit dem Magazin Stern Kriterien für seine Job-Überlegungen genannt: „Das müssen Sie wirklich wollen. Sie müssen es gesundheitlich können. Und Sie müssen das Gefühl haben, dass die Menschen Sie noch haben wollen.“

Die Gesundheit: Er hat vor 15 Jahren eine Herzmuskelerkrankung gehabt, an der er fast gestorben wäre. In den letzten Jahren hatte er Schwächeanfälle, schwankte bei Reden, musste zur Überwachung ins Krankenhaus. Aber er hat sich bereits die Eignung zugesprochen: „Ich weiß, dass ich fit bin.“ Er müsse nicht sich, sondern seine Familie überzeugen, heißt es in der CSU.

Und wer will ihn haben? Die Umfragen für die CSU sind ausschlaggebend für die Loyalität der Partei. Fallen die Werte, ist es mit dem König-Sein schnell vorbei. 2014 konnte man das sehen: Ein halbes Jahr nach grandiosen Ergebnissen bei Bundestags- und Landtagswahl schnitt die CSU bei der Europawahl schlecht ab. „Da hatte Seehofer einen schweren Durchhänger“, sagt ein CSU-Mann. Dann kamen die Flüchtlinge – und Seehofer schob sich wieder ins Zentrum. „Das war seine Revitalisierung.“

Horst Seehofer stritt nicht nur, er wütete. Wie im Rausch wirkte das manchmal, mit wöchentlich neuen Vorwürfen: Angela Merkel wolle ein anderes Land, warnte er. Er warf ihr eine „Herrschaft des Unrechts“ vor und ließ offen, ob die CSU Merkel bei einer erneuten Kanzlerkandidatur unterstützen würde. AfD-Ton, befand man dazu im Kanzleramt.

Das Zerwürfnis der Schwesterparteien von 2004 wiederholte sich. Oft hat Seehofer sich in der Flüchtlingsdebatte darauf bezogen und erklärt, er habe mit seiner Position damals ja recht behalten. In der Tat: Von der Kopfpauschale in der Krankenversicherung, die Merkel damals unbedingt durchsetzen wollte, redet in der CDU keiner mehr. Dafür gab es Maut und Betreuungsgeld, Seehofer-Projekte.

Seehofer hat sich noch an anderer Stelle durchgesetzt, auch in der CSU: Jahrelang hatte die den Donauausbau verfolgt, den Bau einer dritten Startbahn für den Münchner Flughafen. Seehofer entschied, sich dafür nicht mehr zu verkämpfen. Zuletzt hat er die unbeliebte Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre, ein Projekt von Edmund Stoiber, wieder rückgängig gemacht. Er hat keine Bedenken, seine Meinung zu ändern. Er hat ein Gespür für Themen und setzt es absolut.

Seehofer spricht gerne von einem „Pakt mit den Bürgern“ und sagt: „Ich weiß, wie die Leute ticken.“ Er ist also das Volk. Er ist seit Jahrzehnten in der Politik, war Staatssekretär und Minister, ist jetzt Regierungschef und verkauft sich als Anti-Establishment, als einer, der sich gegen Bevormundung nach Kräften wehren muss. Es ist auch das Erfolgsrezept von US-Präsident Donald Trump, dem der Bayer auch seinen Spitznamen „Drehhofer“ leihen könnte. Seehofer hat sich weniger über dessen Wahl aufgeregt als über dessen Kritiker.

Die Kanzlerin hat Seehofer erst einmal machen lassen. Sie ließ ihn öffentlich abtropfen, schwenkte aber auf seinen Kurs ein und verschärfte die Flüchtlingspolitik. Seine symbolisch wichtigste Forderung aber, die Obergrenze, gestand sie ihm nicht zu. Seehofer fordert sie immer noch, nur dass er jetzt auch wieder die Kanzlerin lobt. Die sei der größte Trumpf der Union, jetzt plötzlich doch, ein Jahr nach der Klage über eine „Herrschaft des Unrechts“. Große Emotion, nur in die andere Richtung.

„Wenn ich mal aufhöre, dann richtig: harter Schnitt. Cut. Aus. Ende. Vorbei“, so hat sich Seehofer vor 13 Jahren das Ende seiner Karriere vorgestellt. „Ich werde nicht der Oskar Lafontaine der CSU.“ Vor der Entscheidung ist Seehofer nach Rom gefahren, zum ehemaligen Papst Benedikt XVI. Ostermontag war das und 90. Geburtstag Ratzingers Grund genug für einen Besuch. Und es ist wohl nur ein Zufall, dass er gleichzeitig einem Bayern galt, der zurückgetreten ist, obwohl sich das damals niemand vorstellen konnte.

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