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Homosexualität „Schwulsein ist kein Lifestyle“

Der Psychologe Ulrich Klocke über absurde Ängste vor Homosexuellen und Instrumente gegen Ausgrenzung.

20.01.2014 11:12
Foto: dpa

In Baden-Württemberg haben zehntausende Unterstützer eine Online-Petition unterschrieben, die sich gegen die Thematisierung sexueller Vielfalt im Schulunterricht ausspricht. Sie protestieren gegen die vermeintliche Umerziehung der Schüler. Der Sozialpsychologe Ulrich Klocke hat 2012 die Effekte eines ähnlichen Lehrplans an Berliner Schulen untersucht.

Herr Klocke, wie ernst muss man den Protest gegen die Thematisierung von Homosexualität im Unterricht in Baden-Württemberg nehmen?

Man sollte Protest immer ernst nehmen, weil sich dahinter Ängste verbergen. Hier ist es offenbar die Angst, dass man durch die Thematisierung des Themas sexueller Vielfalt an Schulen, die Jugendlichen in ihrer sexuellen Orientierung beeinflussen könne. In der Petition wird ja von einem LSBTTIQ (schwul-lesbischen) Lebensstil gesprochen, was suggeriert, dass es sich um eine Art Lifestyle handelt, für den man sich entscheidet wie für eine Wohnzimmergarnitur. Verschwiegen wird dagegen, dass sexuelle Orientierung ein relativ stabiles Phänomen ist und es keinerlei Hinweise darauf gibt, dass sie durch Verführung oder Konditionierung beeinflusst wird.

Die Initiatoren der Petition sprechen von negativen Begleiterscheinungen eines schwul-lesbischen „Lebensstils“.

Sie befürchten vermutlich, dass nicht-heterosexuelle Personen zu glücklich dargestellt werden, weshalb sich Jugendliche dann entscheiden könnten, lesbisch oder schwul zu werden. Das ist eine völlig absurde Annahme, die wissenschaftlich in keiner Weise haltbar ist.

Fühlt sich hier die Mehrheit von der Minderheit bedroht?

Ich glaube nicht, dass wirklich die Mehrheit gegen eine Berücksichtigung des Themas in der Schule ist. Aber auf die Initiatoren der Petition mag das zutreffen. Die tatsächlichen Verhältnisse werden dabei völlig ausgeblendet. Das Thema Homosexualität spielt im Schulunterricht bislang fast überhaupt keine Rolle. Anzunehmen, allein die Thematisierung führe dazu, dass hier eine Minderheit Macht über die Mehrheit gewinnt, ist absurd.

Wie kommt es in unserer vermeintlich so aufgeklärten Gesellschaft zu einer derart aggressiven Abwehrhaltung?

Wir müssen uns vor Augen führen, dass homosexuelle Beziehungen noch bis in die späten 60er Jahre strafrechtlich verfolgt wurden und der Paragraph 175 erst 1994 endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde. Dass einige Menschen, die noch in einer Zeit der Kriminalisierung von Homosexualität sozialisiert wurden, dagegen aufbegehren, ist gar nicht so erstaunlich.

Ist die Schule ein homophober Ort?

Die Homophobie zeigt sich vor allem im Verhalten, weniger in den Einstellungen der Jugendlichen. Drei Viertel der Jugendlichen sind dafür, dass homosexuelle Paare die gleichen Rechte haben sollen wie heterosexuelle. Dagegen sind Schwuchtel und Lesbe äußerst beliebte Schimpfworte, gerade unter Sechstklässlern. Etwa die Hälfte der Schülerinnen und Schüler dieser Altersstufe lästern über Personen, wenn sie sie für lesbisch oder schwul halten.

Mit welchen Folgen?

Für nicht-heterosexuelle Jugendliche oder solche, die noch unsicher in ihrer sexuellen Orientierung sind, ist das ein Problem. Diese Jugendlichen sind gefährdeter als andere, häufiger depressiv und suizidgefährdet. In der Petition wird behauptet, es gebe keine Belege dafür, dass Mobbing und Ausgrenzungserfahrungen diese Risiken befördern. Das stimmt nicht. Es gibt eine ganze Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen, die das belegen.

Wie kann die Akzeptanz sexueller Vielfalt bei Heranwachsenden beeinflusst werden?

Je häufiger sexuelle Vielfalt von den Lehrkräften thematisiert wird, desto positiver sind die Einstellungen der Jugendlichen. Wissen die Schüler, dass Mobbing an ihrer Schule geächtet wird, hat das ebenfalls einen positiven Einfluss auf Einstellungen und Verhalten. Wenn Lehrkräfte gegen Diskriminierung intervenieren, verbessert das die Einstellung der Schüler zu Lesben und Schwulen und schließlich führt auch das lebende Beispiel zu einem positiveren Umgang. Wenn die Jugendlichen Lehrkräfte, Freunde oder Verwandte haben, die mit ihrem Lesbisch- oder Schwulsein offen umgehen, beeinflusst das ihre Einstellungen und ihr Verhalten positiv.

In welcher Altersgruppe ist eine Einflussnahme überhaupt möglich?

Es gibt für alle Altersklassen geeignete Unterrichtsmaterialien, beispielsweise auf den Internetseiten der Berliner Senatsverwaltung für Bildung. Lehrkräfte können sich dort auch einen Medien-Koffer ausleihen, der Material für Schulen bereithält.

Wie gut oder schlecht vorbereitet sind die Lehrer auf diese Aufgabe?

In unserer Untersuchung hat sich gezeigt, dass Lehrkräfte nur selten mit derartigem Unterrichtsmaterial arbeiten. Und es gibt offenbar auch nur wenige Lehrkräfte, die jedes mal intervenieren, wenn es zu homophoben Beschimpfungen kommt. Daraus lässt sich schließen, dass noch einiges an Qualifizierung nötig ist. Entsprechende Maßnahmen gibt es in Berlin inzwischen. Und es gibt Bestrebungen, diese Themen in die Lehrerausbildung zu integrieren.

Haben Berliner Jugendliche mit Migrationshintergrund aus der Türkei oder der ehemaligen Sowjetunion eine negativere Einstellung zu Lesben und Schwulen als andere?

Ich würde dazu raten, diese Diskussion nicht nach ethnischen oder kulturellen Gruppen zu differenzieren. Das führt bei den angesprochenen Gruppen zu Abwehrreflexen und bei den Lehrkräften zur Meinung, das Problem wäre auf einige Gruppen begrenzt, was nicht der Fall ist. Wir haben in unserer Berliner Studie zwar negativere Einstellungen bei Jugendlichen mit einem türkischen oder arabischen Migrationshintergrund gefunden, aber keine Unterschiede im Verhalten.

Interview: Katja Tichomirowa

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