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Holocaust KZ Viel mehr Lager als gedacht

13 Jahre lang suchen US-Forscher nach Konzentrationslagern, Kriegsgefangenenlagern und Ghettos der Nazis aus den Jahren 1933 bis 1945. Am Ende zählen sie 42.500 Stätten der Gewalt. Selbst ausgewiesene Experten sind überrascht und finden die Zahl "unglaublich".

Dokumentierte KZ, Ghettos und Hauptkonzentrationslager.

Henry Greenbaum war 17 Jahre alt, als ihn 1945 US-amerikanische Soldaten aufgriffen. Fünf Jahre seines Lebens hatte Greenbaum in fünf verschiedenen Ghettos und Konzentrationslagern Zwangsarbeit geleistet. Als ihn die US-Armee befreite, war er auf dem Weg in ein sechstes Lager, auf einem der Todesmärsche, die unzählige Häftlinge zu dieser Zeit zurücklegen mussten.

Von seinem polnischen Heimatort Starachowice, wo man ihn und seine Familie in ein eigens für die Juden eingerichtetes Ghetto gesperrt hatte, hatte sein Leidensweg über kleinere Lager nach Auschwitz geführt, von dort in das Außenlager Buna-Monowitz und schließlich nach Flossenbürg nahe der deutsch-tschechischen Grenze. Seine Familie hatte die SS von Starachowice direkt in die Gaskammern von Treblinka geschickt.

Fünf Jahre an sechs Orten, die zur Todesmaschinerie der Nationalsozialisten gehörten: Der heute 84-jährige Greenbaum hat die Stationen seines Leidensweges dieser Tage der New York Times aufgezählt. „All diese Ort sollten dokumentiert werden“, erklärte Greembaum der Zeitung. „Das ist sehr wichtig.“

Genau das haben Historiker des Holocaust Memorial Museum in Washington in den vergangenen 13?Jahren getan. Sie haben Konzentrationslager, Arbeitslager, Ghettos, Judenhäuser und Bordelle, in denen weibliche Gefangene zur Prostitution gezwungen wurden, erfasst und erforscht. Sie haben versucht, jeden Ort zu dokumentieren, an dem jemand verfolgt, zur Arbeit gezwungen, gefoltert, inhaftiert oder ermordet wurde.

Das Ergebnis ihrer Arbeit hat nicht nur die Forscher selbst entsetzt, sondern auch ihre Kollegen. 15?bis 20 Millionen Gefangene und Tote zählten sie in der Zeit zwischen 1933 und 1945, 30.000 Zwangsarbeitslager, 1.150?Ghettos, 980 Konzentrationslager, 1.000 Kriegsgefangenenlager und 500 Bordelle. Dazu Tausende Durchgangslager, „Heilstätten“, in denen psychisch kranke Menschen zu Opfern des Euthanasie-Programms der Nazis wurden, Lager, die der Zwangsgermanisierung von Gefangenen und anderen Absichten dienten.

Als die Forscher ihre Arbeit vor 13 Jahren begannen, seien sie von 7.000 nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Ghettos ausgegangen, erklärte der Historiker und Chefredakteur der Holocaust-Enzyklopädie, Geoffrey Megargee, der New York Times. Mit den Jahren wuchs die Zahl der Orte zunächst auf 11 500, dann auf 20.000, 30.000 und schließlich auf 42.500 – eine Zahl, die selbst den Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Washington, Hartmut Berghoff, überrascht hat. Er nennt sie „unglaublich“.

Wie sie zustande kam, können die Forscher gleichwohl erklären. Es seien kaum neue Orte entdeckt worden, erklärte Megargee Zeit-Online. Erkenntnisse über die Orte, an denen Menschen verfolgt, zur Zwangsarbeit gezwungen oder ermordet wurden, habe es bereits zuvor gegeben. Niemand vor seinem Team aber habe das Mosaik von Daten aus Einzelstudien zusammengesetzt.

Die Deutschen wussten davon

Zwei Bände der Enzyklopädie des Holocaust sind bislang erschienen. Das auf 25 Jahre angelegte Projekt des Center for Advanced Holocaust Studies plant die Herausgabe von fünf weiteren Bänden bis 2025. Erforscht wurden bislang vor allem einzelne Konzentrationslager und Ghettos. Für diese erste Gesamtschau des nationalsozialistischen Lagersystems befragten die US-amerikanischen Historiker Zeitzeugen, sie forschten in Archiven und werteten das Material von über 400 Einzelbeiträgen aus.

Dass nach dieser Studie die Geschichte des Holocaust neu geschrieben werden müsse, glaubt Geoffrey Megargee nicht. Sie ändere aber das Verständnis davon, wie es zum Holocaust kommen konnte. Die Behauptung, nur wenige Deutsche hätten von der millionenfachen Verfolgung und Vernichtung gewusst, wird durch die Erkenntnisse der Forscher abertausendfach widerlegt.

Überall in Deutschland und im von den Deutschen besetzten Europa arbeiteten Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Fabriken, kirchlichen Einrichtungen und auf Bauernhöfen. Zu übersehen waren sie nicht.

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