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Hilfsorganisation Cash statt Brot

Hilfswerke zahlen bei Katastrophen immer häufiger Bargeld aus – und erreichen so mehr Bedürftige als mit Paketen. Ganz ersetzen kann das Bargeld die Lebensmittelhilfe aber nicht.

Brotverkauf
Brotverkauf: Oft sind Lebensmittel vorhanden, es fehlt aber das Geld, sie zu kaufen. Foto: rtr

Hilfsorganisationen gehen zunehmend dazu über, Bedürftigen bei Hungersnöten Bargeld auszuzahlen statt Lebensmittel zu verteilen: Auf diese Weise werde den Hungernden wesentlich effektiver geholfen, sagen Experten. Schon heute stellt etwa die Kinderhilfsorganisation World Vision zehn Prozent ihrer Nothilfe in Scheinen statt in Lebensmittelrationen zur Verfügung: Dieser Anteil soll in den kommenden fünf Jahren auf bis zu 50 Prozent ausgeweitet werden, teilte World-Vision-Sprecher Dirk Bathe auf Anfrage der FR mit. Derzeit zahlt allein der deutsche Zweig des internationalen Hilfswerks monatlich 100 000 US-Dollar an Notleidende vor allem in Afrika aus.

Derselbe Betrag an Hilfe kann nach einer Studie des britischen Overseas Development Instituts (ODI) fast 20 Prozent mehr Empfängern helfen, wenn sie Bargeld bekommen. Das sei vor allem auf die wesentlich geringeren Kosten der Verteilung zurückzuführen: Ein erheblicher Teil der Hilfsgelder wird für den Transport der Lebensmittelhilfe ausgegeben. Dabei ist das Problem in vielen Hungerregionen weniger die Verfügbarkeit als der Preis der Nahrungsmittel.

Bestes Beispiel ist die somalische Hauptstadt Mogadischu, wo derzeit Hunderttausende von Menschen nicht ausreichend ernährt sind, während auf den Märkten der Stadt importierte Waren aus aller Welt zu haben sind – nur dass sich ein Großteil der Bevölkerung diese nicht leisten kann. Wird diesem Problem mit der Ausgabe von Cash begegnet, wird auch die einheimische Wirtschaft weniger geschädigt: Lokale Geschäftsleute pflegen über ausländische Lebensmittellieferungen zu klagen, da diese ihren Absatz ruinierten.

Von einer Dürre wird so die gesamte Ökonomie eines Staates in Mitleidenschaft gezogen. Notleidende wüssten am besten selbst, was sie nötig hätten, wenden Fachleute außerdem ein: Statt Hilfspakete mit einer vorgegebenen Menge an Maismehl, Speiseöl und Bohnen ausgehändigt zu bekommen, könnten sie mit Bargeld selber entscheiden, was sie am Dringendsten brauchen.

Schließlich wirke sich die finanzielle Hilfe auch weniger verheerend auf das Selbstbewusstsein der Empfänger aus: Sie würden so nicht völlig zu Bettlern degradiert, die nehmen müssen, was es gibt. Entgegen verbreiteter Skepsis sei die Ausgabe von Bargeld auch sicherer als der Transport von Lebensmitteln, sagt World-Vision-Mann Bathe: Denn regelmäßig würden vor allem in Kriegsregionen Hilfskonvois überfallen und die Warenlager der Hilfswerke geplündert. Dagegen wird der Geldtransfer selbst in Staatsruinen wie Somalia heute per Handy geregelt: Und wo das nicht geht, geben die Organisationen mit einem gewissen Geldbetrag geladene Chip-Karten aus. Er habe noch von keinem einzigen kriminellen Zwischenfall bei der Ausgabe der Geldhilfe gehört, sagt Bathe.

Schließlich wollen die Hilfswerke auch ein letztes Argument gegen die Cash-Praxis nicht gelten lassen: Dass sich die Adressaten damit unsinnige Dinge wie Alkohol und Tabakprodukte zulegen könnten. Eine zehnjährige Studie des Kinderhilfswerks Unicef und der Ernährungsorganisation FAO fand vielmehr heraus, dass die Empfänger das Geld äußerst vernünftig einsetzten: „Es gab keinerlei Hinweise darauf, dass die Leute das Geld verschwendet hätten“, sagt ODI-Forscherin Francesca Bastagli.

Dass Bargeld die Lebensmittelhilfe einmal ganz ersetzen könnte, schließt Bathe aber aus. Vor allem in abgelegenen Regionen von Dürrestaaten seien zuweilen überhaupt keine Nahrungsmittel verfügbar: Dorthin müssten die Hilfsgüter selbstverständlich nach wie vor transportiert werden. Dasselbe gilt auch in Bürgerkriegsstaaten wie dem Südsudan oder Nordostnigeria: Von Einkaufsmöglichkeiten abgeschnittenen Flüchtlingen wäre mit Bargeld nicht geholfen.

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