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Hilfe gegen Sucht Alkohol vom Staat

Die Stadt Essen startet im Sommer ein neues Projekt, um Schwerstabhängige von der Straße zu holen. Dabei soll ihnen auch das eine oder andere Bier ausgeschenkt werden. Manche Experten sehen die Aktion kritisch.

Alkohol vom Staat - aber nicht fürs Nichtstun.

Die Idee kam aus Holland ins Ruhrgebiet. Kollegen aus Amsterdam hatten von ihrem Projekt berichtet, Langzeitalkoholiker gemeinnützige Arbeit verrichten zu lassen und dafür Bier an sie auszuschenken. In Essen wiederum hatte man gute Erfahrung mit einem sogenannten „Trinkerraum“ gemacht – und war bereit, etwas Neues zu wagen, um Schwerstabhängige von der Straße zu holen.

Im Sommer will die Stadt nun ein Projekt starten, das bundesweit einzigartig ist. Bis zu zwölf Drogen- und Alkoholabhängige sollen in der Innenstadt Müll aufsammeln und Abfalleimer leeren. Dafür bekommen sie 1,25 Euro die Stunde und das eine oder andere Bier im Krisencafé.

„Das Angebot richtet sich an diejenigen, bei denen alles andere bisher erfolglos war“, erklärt Bärbel Marrziniak von der Essener Suchthilfe Direkt, die das Pilotprojekt leitet. Es gehe um Menschen, die seit Jahrzehnten abhängig sind, Drogen, Alkohol und Medikamente konsumieren, ohne Arbeit sind, oft auch ohne Wohnung.

Sinnstiftende Betätigung

„Diesen Menschen wollen wir eine sinnstiftende Betätigung und Tagesstruktur geben“, erklärt Marrziniak – und äußert die Hoffnung, dass die kontrollierte Abgabe niedrigprozentigen Alkohols langfristig zu einem sinkenden Konsum führen könnte. Flankierend sei auch eine Gesundheitsberatung geplant. Das auf ein Jahr begrenzte Projekt werde von einer Doktorandin der Klinik für Suchtmedizin in Essen begleitet und evaluiert.

Für die Stadt Essen geht es auch darum, die Szene von öffentlichen Plätzen zu bekommen. Der zuständige Sozialdezernent Peter Renzel verweist in diesem Zusammenhang auf Müll und Pöbeleien, auf gestörte Passanten und aufgebrachte Geschäftsleute. Es gehe darum, eine Balance zwischen sozialen Hilfen und ordnungspolitischer Repression zu finden.

„Auf gar keinen Fall ist die Projektidee eine Bankrotterklärung für unsere Drogenhilfe in Essen“, sagt der CDU-Politiker. Für bestimmte langjährig Abhängige, stelle die Abstinenz aktuell kein realistisches Ziel dar. „Wir müssen die Abhängigkeit akzeptieren, um mit den Menschen in Kontakt zu bleiben.“ Moralisieren oder das Vorgeben von nicht erreichbaren Zielen schrecke die Menschen ab.

Gerade dass die Essener keinen therapeutischen Ansatz verfolgen, ruft Kritik hervor. „Eine zynische Idee“ sei das, wenn „Suchtkranke mit Suchtmitteln geködert werden, um sie als billige Arbeitskräfte zu beschäftigen“, kritisiert Horst Renner, Geschäftsführer der Obdachlosenhilfe linker Niederrhein.

Wenn man diesen Menschen helfen wolle, müsse man die bürokratischen Hürden abbauen, die sie an einer Therapie hindern, und zudem genügend Mittel für solche Angebote bereitstellen.

„Sinnvoll ist es sicher, Alkoholikern eine Aufgabe und damit eine feste Tagesstruktur zu geben“, bewertete Christa Merfert-Diete, Sprecherin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, im „Spiegel“ den Amsterdamer Ansatz. Warum dann aber neben Geld noch Alkohol ausgegeben werde, erschließe sich ihr nicht. Bei der Caritas ist man der Ansicht, das holländische Modell sei einen „Versuch wert“. Allerdings müsse man diesen kritisch begleiten und sicherstellen, „dass es den Menschen hilft“, sagt Christoph Grätz vom Diözesan-Verband Essen.

Unterstützung aus Frankfurt

Unterstützung für die Kollegen im Ruhrgebiet kommt auch aus Frankfurt. Es sei wichtig, immer wieder neue Ideen zu verfolgen, sagt Regina Ernst vom Drogenreferat der Stadt, und verweist auf die guten Erfahrungen mit der „Feger-Flotte“. Seit 2002 streift eine Gruppe von Junkies und Ex-Abhängigen durchs Frankfurter Bahnhofsviertel und sammelt den Müll auf. Für Ernst ist klar: „Viele Wege führen aus der Sucht.“

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