Lade Inhalte...

Hildegard Hamm-Brücher „Loyale Dissidentin“ mit festen Prinzipien

Über Jahrzehnte prägte sie die Politik der Liberalen: Im Alter von 95 Jahren ist die langjährige FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher gestorben. Ein Nachruf.

09.12.2016 10:52
Peter Pragal
Hildegard Hamm-Brücher. Foto: dpa

Als sie noch im bayerischen Landtag saß, wurde Hildegard Hamm-Brücher – halb spöttisch, halb bewundernd – „der einzige Mann“ im Parlament genannt. In den Gremien ihrer Partei zeigte sie oft mehr Mut zur eigenen Meinung als es der jeweiligen FDP-Führung lieb war. Und auch im Deutschen Bundestag, dem sie von 1976 bis 1990 angehörte, bewahrte sie sich ein so hohes Maß an innerer Unabhängigkeit und Freiheit, dass sie im Heer der angepassten, auf Fraktionsdisziplin eingeschworenen Mandatsträger wie eine Ausnahmeerscheinung wirkte.

Hildegard Hamm-Brücher, die jetzt im Alter von 95 Jahren in München starb, war ihr politisches Leben lang eine streitbare Person. Eine, die sich nie an die Leine der Parteiräson legen ließ. Eine, die Zivilcourage nicht nur forderte, sondern vorlebte. Tugenden, die erklären, warum sie „als große alte Dame“ des Liberalismus galt, die sich stets dann zu Wort meldete, wenn ihr die eigene Partei oder das Gemeinwesen auf Abwege zu geraten schien.

Das hat ihr nicht nur Freunde gemacht. Auch in der FDP gab es Leute, die sie wegen ihr Lust, gegen den Stachel zu löcken, als „Querulantin“ abstempelten. Jürgen Möllemann gehörte dazu. Aber die Geringschätzung beruhte auf Gegenseitigkeit. Politiker seines Schlags, die Aufmerksamkeit durch große Sprüche und Spektakel zu erregen versuchen, waren ihr tief suspekt. Erst recht, wenn sie das Gefühl hatte, diese Parteifreunde seien dabei, die FDP auf einen populistischen Rechtskurs zu bringen. Als einer der ersten und schärfsten Kritiker wies „HHB“ den schnauzbärtigen Parteivize öffentlich zurecht.

Ihre Sensibilität gegenüber Versuchen, aktuelle Politik aus der historischen Verantwortung zu lösen, stammt aus früher Erfahrung. Hildegard Hamm-Brücher, 1921 in Essen geboren, wurde mit zehn Jahre Vollwaise und erlebte, bei ihrer jüdischen Großmutter in Dresden wohnend, die Ausgrenzung aus der Gesellschaft als „Halbjüdin“.

Freunde der Familie ermöglichten ihr den Besuch des Internates Salem am Bodensee. Da war sie, wie sie erzählte, mit vielen Gleichgesinnten zusammen, „die sich durchs Dritte Reich quälten.“ Nach dem Abitur studierte sie in München Chemie und hatte Kontakte zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ um die Geschwister Scholl, ohne von ihren Absichten zu wissen. Die Hinrichtung der Initiatoren wurde für sie zum Schlüsselerlebnis, das, wie sie sagte, „mein Leben und Denken fortan bestimmte.“

„Mädle, Sie müsset in die Politik“

Nach dem Krieg arbeitete Hildegard Hamm-Brücher als wissenschaftliche Redakteurin bei der Neuen Zeitung in München. Als sie 1946 den späteren ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss interviewte, riet ihr der schwäbische Freidemokrat mit den Worten „Mädle, Sie müsset in die Politik“, sich in einer Partei zu engagieren. 1948 wurde sie Mitglied der FDP, 2002 trat sie nach antiisraelischen Äußerungen Möllemanns aus. Zuletzt näherte sie sich der Partei wieder an.

Politik hat Hildegard Hamm-Brücher sozusagen von der Pieke auf gelernt. 1948 wurde sie in den Münchner Stadtrat gewählt.  Zwei Jahre später zog sie mit 29 Jahren als jüngste Abgeordnete in den bayerischen Landtag ein. Im damals klerikal-reaktionär beherrschten Bayern wurde sie von politischen Gegner als lebende Provokation betrachtet. Vor allem deshalb, weil sie sich für die Abschaffung der Konfessionsschule einsetze. Ein von ihr initiiertes Volksbegehren zur Einführung der Gemeinschaftsschule scheiterte nur knapp.

Innerparteilich hatte die promovierte Chemikerin schon damals einen schweren Stand. Vor der Landtagswahl 1962 setzten die bayerischen Liberalen ihre unbequeme Mitstreiterin auf Platz 17 der Landesliste. Ein scheinbar aussichtsloser Rang.  Doch HHB hatte in und außerhalb der FDP viele Anhänger. Und die gründeten ein Bürgerkomitee und starteten eine Kampagne zu ihrer Wiederwahl. Mit Erfolg. Die Kandidatin erhielt doppelt so viele Stimmen wie der Erste auf der FDP-Liste und rückte nach dem bayerischen Wahlrecht auf den ersten Platz vor.

1967, ein Jahr nach ihrem Ausscheiden aus dem Landtag, wurde Hamm-Brücher Staatssekretärin im hessischen Kultusministerium. Das war der Beginn ihrer zweiten Karriere, der als profilierter Bildungspolitikerin. 1969, mit Beginn der sozial-liberalen Koalition, wechselte sie in gleicher Funktion ins Bonner Bundesbildungsministerium. 1976 holte sie Hans-Dietrich Genscher als Staatsministerin für kulturelle Beziehungen ins Auswärtige Amt.

Als Genscher 1982 den Koalitionsbruch vorbereitete, gehörte die Protagonistin einer sozial-liberal orientierten FDP zu den  „Wende“-Gegnern. Sie verstand sich mit  führenden Sozialdemokraten, vor allem mit Kanzler Helmut Schmidt. In einer aufsehenerregenden Rede begründete sie im Bundestag, warum sie nicht gegen ihren Kanzler stimmen könne. Sie war nicht grundsätzlich gegen die Aufkündigung des SPD-FDP-Bündnisses. Aber die Art, wie das Misstrauensvotum durchgezogen wurde, verletzte ihr liberales Selbstverständnis.

In den folgenden Jahren erlebte sie, was sie sich unter Liberalen „nicht mal in Alpträumen“ vorstellen konnte: Sie wurde innerparteilich  ausgegrenzt. Früher als andere sah sie die Gefahr, dass ihre Partei unter Kanzler Helmut Kohl zum Anhängsel der CDU werden könnte. Schon im Mai 1984 schlug sie vor, die FDP solle die schwarz-gelbe Regierungskoalition verlassen.

Ein neues Aufgabenfeld fand die „loyale Dissidentin“, wie sie sich selbst einmal nannte, mit der Initiative Parlamentsreform. Der Bundestag, so meinte sie, müsse wieder zum Zentrum politischer Entscheidungen werden. Zwar gelang es ihr nicht, die „erstarrten Formen unseres Parlamentarismus“ gänzlich aufzubrechen. Aber die Initiative, deren Sprecherin sie war, konnte es sich immerhin gut schreiben, dass 1986 die Geschäftsordnung des Bundestages geändert wurde. Der Passus, dass jeder Abgeordnete bei Reden, Handlungen, Abstimmungen und Wahlen seiner Überzeugung und seinem Gewissen folgen sollte, wurde zum Meilenstein der Parlamentsreform.

Schmerzhafte Kandidatur

„Ich verabschiede mich nicht aus der Politik“, hatte Hamm-Brücher 1990 bei ihrer letzten Rede im Bundestag gesagt. Vier Jahre später stand sie noch einmal voll im Rampenlicht. Sie kandidierte für das Amt des Bundespräsidenten. Die Bewerbung wurde für die Liberale zu einer schmerzhaften Erfahrung. Weil die FDP-Führung unter dem damaligen Vorsitzenden Klaus Kinkel keinen Ärger mit Helmut Kohl haben wollte, wurde Hildegard Hamm-Brücher vor dem dritten Wahlgang von der eigenen Parteiführung der Koalitionsräson geopfert. Sie sei „knallhart“ zum Verzicht auf ihre Kandidatur gedrängt worden, schrieb sie in ihrer Lebensbilanz „Freiheit ist mehr als ein Wort.“

Als Publizistin, Interview-Partnerin und Vorsitzende der Theodor -Heuss-Stiftung blieb Hildegard Hamm-Brücher im öffentlichen Leben der Bundesrepublik präsent. Auch als sie das achtzigste Lebensjahr schon überschritten hatte. Ruhe geben, sich zurückziehen – das hätte nicht zu ihr gepasst. Kämpferisch wollte sie sein, bis zum Schluss, aber in den Formen ihres liberalen Selbstverständnisses. „Polarisierung und Verketzerung der Andersdenkenden, diese Art von Schlagabtausch, das ist der falsche Weg“, sagte sie einmal im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Das stößt Bürger nur ab.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen