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Hetzjagd Chemnitz kommt nicht zur Ruhe

Nach der tödlichen Messerattacke und den rechtsradikalen Hetzjagden sind auch für Montagabend Demonstrationen angemeldet.

Ermittlungen nach spontaner Demo in Chemnitz
Die Polizei im Einsatz auf der Demonstration Rechtsradikaler in Chemnitz. Foto: dpa

Ein friedliches Fest sollte es werden, eine riesige Geburtstagsfeier, 875 Jahre Chemnitz. So hatte es sich nicht nur die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) erhofft. Doch dann kam alles ganz anders: „Wenn ich sehe, was sich am Sonntag hier entwickelt hat, dann bin ich entsetzt“, sagte Ludwig. „Schlimm.“ Das Fest musste abgebrochen werden, um Schlimmeres zu verhindern, nachdem ein Mann in einem Streit gewaltsam zu Tode gekommen war.

Am Sonntag zogen Hunderte mutmaßliche Rechte durch die Innenstadt. Es gibt Videoaufnahmen, die zeigen, wie sie offenbar gezielt Ausländer angriffen. Rufe sind zu hören wie bei Pegida-Versammlungen in Dresden: „Wir sind das Volk“ und „Deutsch, sozial, national“.

Steffen Seibert verurteilt Hass und Extremismus

Die Erschütterung über die Vorfälle erreichte am Montag auch Berlin. In ungewöhnlich scharfen Worten verurteilte Regierungssprecher Steffen Seibert die Ereignisse. „Solche Zusammenrottungen, Hetzjagden auf Menschen anderen Aussehens, anderer Herkunft, oder der Versuch, Hass auf den Straßen zu verbreiten, das nehmen wir nicht hin“, sagte Seibert. „In Deutschland ist kein Platz für Selbstjustiz, für Gruppen, die auf den Straßen Hass verbreiten wollen, für Intoleranz und für Extremismus.“

Das Unheil hatte am frühen Sonntagmorgen in der Chemnitzer Innenstadt begonnen: Gegen 3.15 Uhr stritten sich nach Polizeiangaben mehrere Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, die Sache eskalierte, am Ende waren zwei Männer schwer verletzt und einer, ein 35-Jähriger, tot. Gestorben an seinen schweren Verletzungen. Laut Polizei waren die Opfer Deutsche. Bei dem Toten handelt es sich offenbar um einen Deutsch-Kubaner, einen jungen Familienvater, von Beruf Tischler.

Rechtsextreme Hooligans vom Chemnitzer FC und die AfD

Mehrere Männer seien nach dem Streit geflüchtet, zwei habe die Polizei festgenommen. Am Montag erging Haftbefehl gegen einen 23-jähriger Syrer und einen 22 Jahre alter Iraker. Sie sollen mehrfach grundlos auf den 35-jährigen Mann eingestochen haben, die Ermittlungen dauern an. Am Montag wurden Haftbefehle gegen einen 23-jähriger Syrer und einen 22 Jahre alter Iraker erlassen.

Nach der Tat gab es in den sogenannten sozialen Netzwerken kein Halten mehr. Gerüchte machten die Runde, eine Frau sei sexuell belästigt worden, von einem weiteren Toten war die Rede. Die Polizei widersprach. Es gab Aufrufe von rechtsextremen Hooligans aus dem Umfeld des Chemnitzer FC zu spontanen Kundgebungen. Am späten Sonntagnachmittag standen 800 Leute beim Karl-Marx-Denkmal und zogen dann durch die Innenstadt. Polizisten wurden mit Flaschen beworfen.

Für die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz ist das rasche Aufflammen von Wut und Gewalt kein Wunder. Die Linken-Abgeordnete setzt sich seit Jahren mit Rechtsextremismus und Gewalt in Sachsen auseinander. „Die Leute haben das Gefühl: Von oben gibt es keine Hilfe, man muss selber tätig werden“, sagte sie im Gespräch mit dieser Zeitung. „Also marschieren sie los.“ Und das gehe eben heute alles ganz schnell: „Etwas passiert, einer bekommt es mit, man ist vernetzt, einer startet eine Aufruf, es wird mobilisiert und zack geht es rund“, sagt sie. So sei es vor Jahren in Heidenau, Freital oder Dresden auch gewesen. „Nichts Neues.“

Katja Kipping: „Keine Selbstjustiz“

Das Vorgehen von Gewaltbereiten und Gewalttätern sei „unerträglich“, sagte Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) im ARD-Mittagsmagazin. „Wir haben Spekulationen, wir haben Mutmaßungen, wir haben Falschmeldungen und regelrechte Lügen im Netz", sagte Wöller. „Ich kann uns alle nur bitten, besonnen zu bleiben, ruhig zu bleiben und den Fall entlang der Tatsachen abzuarbeiten und dann entsprechende Konsequenzen zu ziehen." Sachsens SPD-Chef und Wirtschaftsminister Martin Dulig verurteilte am Montag Selbstjustiz und Gerüchtemacherei. „Das Gewaltmonopol liegt beim Staat und nicht bei denjenigen, die meinen, auf der Straße Selbstjustiz walten lassen zu müssen.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chemnitz

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