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Heinrich Zertik Erster Russlanddeutscher im Bundestag

Der Einzug ins Parlament kam selbst für ihn überraschend. Der aus Kasachstan stammende Heinrich Zertik sitzt als erster Russlanddeutscher im Bundestag.

Heinrich Zertik.

No gut, sagt Heinrich Zertik. „No gut.“ Ist er jetzt also im Bundestag. Er hat es gar nicht so richtig geglaubt. Vor einem Jahr hat er versucht, in den nordrhein-westfälischen Landtag zu kommen, seine CDU entschied sich für einen anderen Kandidaten. Auf der Bundestagsliste setzte ihn sein Landesverband auf Platz 48 von 50, nicht besonders aussichtsreich schien das zu sein.

Und dann kam der Wahltag, und am Morgen danach fand Zertik seinen Namen auf der Internet-Seite des Bundeswahlleiters – als neu gewählter Abgeordneter. „Ich habe gleich zweimal hingesehen, ich dachte, der Name verschwindet wieder“, sagt er. „Aber er ist nicht verschwunden.“ Auch nicht, als er noch ein weiteres Mal hinsah.

No gut, sagte er. Er reiste diese Woche nach Berlin und durfte sich bei der Eröffnungsrede von Bundestagspräsident Norbert Lammert persönlich angesprochen fühlen: So viele Abgeordnete mit Migrationshintergrund wie nie zuvor gebe es, sagte Lammert. Vor allem bei der CDU hat die Zahl zugenommen, von gerade mal einem auf knapp zehn.

Es gibt Parlamentarier mit indischem, senegalesischem, türkischem Hintergrund. Die CDU-Fraktion hat ihre erste muslimische Abgeordnete. Zertik hat auch einen Premierenbonus für sich: Er ist der erste Russlanddeutsche, der erste Aussiedler im Parlament. Selbst die Unionsparteien, die sich als Hauptzuständige für diese als konservativ geltende Bevölkerungsgruppe sahen, haben bislang im Bundestag vor allem über Aussiedler gesprochen und nicht durch sie. Zertiks Überraschungserfolg ist für die Union ein strategisches Glück.

Unter Gorbatschow ausgereist

Bis 1989 lebte Zertik als Angehöriger der deutschen Minderheit in Südkasachstan nahe der heutigen kirgisisch-kasachischen Grenze. Die Familie sprach Deutsch. Unter dem letzten sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow lockerte das Regime die Ausreiseregelungen, Zehntausende Russlanddeutsche verließen das Reich in Richtung „Heimat“. Auch bei Zertiks klappte es mit dem Antrag auf Familienzusammenführung, der Großvater lebte bereits in Deutschland. Zertik war Anfang 30. Er kam mit Frau und Familie nach Nordrhein-Westfalen, der Kreis Lippe gehört in Deutschland zu den Hauptanlaufstellen für Aussiedler.

Die Zertiks blieben, zogen nach einigen Jahren nur ein paar Kilometer weiter in das Fachwerkörtchen Schieder-Schwalenberg. Zertik engagierte sich bald in der CDU, seit Jahren ist er im Stadtrat. Der gelernte Psychologe gründete einen Unterstützungsverein für Aussiedler namens „Freundschaft – Druschba“, mit sozialer Beratung, Seniorentreffs, Selbsthilfegruppen für Alkohol- und Drogenabhängige, Deutschkursen und Frauen-Gesprächsgruppen. Zertik ist bis heute Vorsitzender des Vereins. Er sagt, er sei persönlich nie mit Vorurteilen konfrontiert gewesen, er habe keine Probleme gehabt. Aber er wisse um die Schwierigkeiten etwa der Jugendlichen, die nicht genau wüssten, wohin sie gehören.

Die ersten neuen Nachbarn in Deutschland seien vor 20 Jahren Jugoslawen und Türken gewesen, sagt Zertik. Man habe sich gleich sehr wohl gefühlt.

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