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Hate-Speech Forschungsobjekt Beleidigung

In Dresden wird jetzt das Schmähen und Schimpfen untersucht - und am Ende vielleicht sogar verstanden.

Pegida-Anhänger in Dresden
Bei Pegida-Versammlungen in Dresden wird seit Jahren geschimpft, gehetzt und hemmungslos beleidigt. Foto: rtr

Natürlich Dresden, wo sonst. Die Stadt, wo seit Jahren vieles heftiger aufeinanderprallt als andernorts in Deutschland. Wo montags bei Pegida-Versammlungen geschimpft, gehetzt und hemmungslos beleidigt wird. Natürlich Dresden, auch wenn die sächsische Landeshauptstadt vermutlich tatsächlich nur ein Brennglas ist, unter dem sich neue deutsche Zustände schärfer und vielleicht auch etwas früher erkennen lassen als anderswo.

In Dresden also soll das weite Feld der Beschimpfungen, Beleidigungen und Schmähungen erstmals ausführlich erforscht werden. Am Donnerstagabend stellten Wissenschaftler der TU öffentlich vor, worum es gehen soll in dem auf vier Jahre angesetzten Vorhaben, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit 7,5 Millionen Euro unterstützt.

„Pegida als zeithistorischer Hintergrund war schon auch entscheidend“, berichtet Professor Gerd Schwerhoff, der Sprecher der Forschungsgruppe. „Dresden ist eine Bühne geworden. Ich selbst habe Pegida als Zäsur empfunden, als etwas, mit dem man sich vertieft auseinandersetzen muss.“ Dazu kommt, das weite Feld der Schmähung ist auch etwas, das Wissenschaftlern beim Beackern durchaus Vergnügen bereiten kann. Schwerhoff ist Historiker, befasste sich mit Hexenwahn und Inquisition, mit Ehrverletzungen, Duellen, Kriminalität und Gewalt. Gerade sitzt er an einem Buch über Gotteslästerung.

Wie es scheint, boomen Beleidigungen. Im Netz ist das Hassreden so verbreitet wie Sand am Strand. Und seitdem Donald Trump als US-Präsident twittert, Einwanderer aus Haiti und El Salvador als Menschen aus „Drecksloch“-Staaten beschimpft, ist das Beleidigen und Schmähen in den Rang staatlichen Handelns aufgestiegen. Die Satire ist auch nicht zimperlich, bedenkt man, wie Jan Böhmermann mit seinem „Ziegenficker“-Gedicht die deutsch-türkischen Beziehungen durchrüttelte. Wer sich in Dresden an den Sommer und Herbst 2015 erinnert, der könnte an Beispielen noch die junge Frau beisteuern, die in Heidenau am Flüchtlingsheim stand und Kanzlerin Angela Merkel wie am Spieß schreiend als „Fotze“ verunglimpfte. Und natürlich Sigmar Gabriel, damals Vizekanzler, der an gleicher Stelle die Pegida-Demonstranten als „Pack“ beschimpfte.

Schmähungen nehmen zu  

Beleidigungen und Beschimpfungen scheinen also zu wuchern, die Gotteslästerung ist seit den „Mohammed-Karikaturen“ plötzlich wieder ein Thema in Mitteleuropa und mit den „dramatischen gesellschaftlichen Folgen“ all dessen, so der Historiker Schwerhoff, will man sich nun in Dresden auseinandersetzen und dem Unsachlichen sachlich zu Leibe rücken.

Wie Grundlagenforscher so sind, darf man nicht mit allzu schnellen Resultaten rechnen. Auch nicht am Ende mit einem flotten Handbuch oder einem griffigen Werkzeugkasten, dem beispielsweise ein Ministerpräsident Michael Kretschmer kluge Ratschläge entnehmen könnte, wie er fortan mit all dem Unmut und Geschimpfe umgehen soll, dem er (auch) auf seinen Reisen durchs Land begegnet. 

Beleidigungen sind nichts Neues 

Ein wenig tröstlich mag erscheinen, dass Schmähen, Schimpfen und Beleidigen nichts Neues sind. Der große Martin Luther sei ein derber Schimpfer gewesen, von dem sich auch ein Donald Trump noch etwas abgucken könnte, sagt der Historiker Schwerhoff. Die Gelehrten des Mittelalters hätten sich auf Latein in einer Weise niedergemacht, da bleibe einem heute die Spucke weg – „gerade die Eliten“.

Nun wird alles erforscht und zusammengetragen. Das Beleidigen bei den Römern, das Beleidigen im Netz, in Malerei, Literatur und Film. Die „Spießer“-Schmähung seit Beginn des 19. Jahrhunderts ebenso wie das Beleidigen als „emotionale Mobilisierung“ zu Beginn des Dritten Reichs. Mindestens 30 Forscher werden in 13 Einzelthemen der „Invektivität“ – so nennen sie ihr Terrain – auf den Grund gehen.

Wie funktioniert das Pöbeln?  

Am Ende aller Bemühungen, so Schwerhoff, könnte dann „eine allgemeine Theorie der Invektivität“ stehen, etwas, das besser erklärt, wie und warum Streit eskaliert, wie sich Gruppen verhalten, wie Beschimpfungen und Beleidigungen wirken, zu was sie vielleicht auch gut sein können.

„Bessere Erkenntnisse“, nennt das Schwerhoff, der bislang selbst nur einmal beleidigt wurde. Damals ging es allerdings nicht um Pegida, Hassreden im Netz oder Trump. Jemand hatte sich über einen Aufsatz Schwerhoffs zur Inquisition aufgeregt.

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