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Hamburg nach G20 „Die Stimmung in der Stadt ist vergiftet“

Erst die Gewalt während des G20-Gipfels, nun die verzerrte Diskussion darüber: Die Bewohner und Gewerbetreibenden der Schanze in Hamburg finden keine Ruhe.

Sternschanze
Zum Aufräumen in der Schanze kamen viele, die gar nicht im Viertel wohnen. Foto: rtr

Eigentlich ist fast alles wie immer. Wären da nicht hin und wieder Risse in den Schaufenstern, zugeklebte Sparkassenautomaten. Und natürlich all die Filmteams, die hier drehen.

Das Wochenende nach dem G20-Gipfel in Hamburg. Die Sonne scheint aufs Schulterblatt. Die Straße, die sich durch die Schanze zieht und deren Bilder während des Gipfels um die Welt gingen, sieht wieder ähnlich unschuldig aus wie zuvor. Autos drängeln sich über den Asphalt. Vor den Cafés sitzen Eltern mit ihren Kindern und essen Eis.

Hier entstanden am Abend des 7. Juli Bilder, die man in deutschen Städten selten sieht – von brennenden Barrikaden, fliegenden Steinen und Plünderungen. Diese Bilder haben Menschen nicht nur in Hamburg, sondern auch im ganzen Land erschüttert. Und eine Diskussion über linke Gewalt in Gang gesetzt, die – den Eindruck haben hier viele – ziemlich aus dem Ruder gelaufen ist.

Gereizte Stimmung am Schulterblatt

„Die Stimmung in der Stadt ist vergiftet“, sagt Andreas Diederich, 49, der im Plattenladen „Zardoz Records“ am Schulterblatt arbeitet. „Nach zwei Minuten schreien sich alle an.“ Außer am Freitagabend war er das ganze Wochenende vor Ort. Von den Plünderungen abgesehen sei das Ausmaß der Zerstörung nicht viel schlimmer als nach einem 1. Mai, meint er. „Das macht es nicht besser. Aber es ist ganz sicher nicht so, dass der Stadtteil in Trümmern liegt.“

Was ihn erschreckt, ist die Feindseligkeit, die er seither spürt. „Was ich in den letzten Tagen gehört habe, ging vom Vergasen übers Totschießen bis zu sonst irgendwas.“

Hamburg, diese Stadt, die mit all ihren Kontrasten sonst gelassen umgeht, zeigt sich plötzlich unversöhnlich. Auch bundesweit scheint es beim Thema G20 nur noch Schwarz und Weiß zu geben. Das liegt, zum einen, an den für Deutschland ungewohnt martialischen Bildern. Es liegt zum anderen aber auch daran, dass die Schilderungen von Augenzeugen sich oft von den offiziellen Berichten unterscheiden.

Der Gastronom Alvaro Piña Otey hat alles über Stunden hinweg aus nächster Nähe erlebt. Zwei Restaurants betreibt er am und neben dem Schulterblatt. Die „Cantina Popular“ liegt in Sichtweite zum Schulterblatt 1 – das Haus mit dem Baugerüst, das eine Schlüsselrolle bei den Krawallen spielte. Am Freitagabend befanden sich auf Gerüst und Dach mehrere Randalierer, die Gegenstände warfen. Für so gefährlich hielt die Polizei sie nach eigenen Angaben, dass sie sich stundenlang nicht ins Viertel wagte. Es seien „bürgerkriegsähnliche“ Zustände gewesen, sagte Polizeisprecher Timo Zill später der „Zeit“. Auf mehreren Dächern hätten sich Gewalttäter unter anderem mit Molotowcocktails in Position gebracht, um Polizisten anzugreifen und auch zu töten.

Am Ende reichte ein kurzer SEK-Einsatz am Anfang der Straße, um die Lage zu klären. Man habe auch mit Schusswaffen gerechnet, erklärte ein Einsatzleiter später. Aber Waffen oder Molotowcocktails wurden laut „Süddeutsche Zeitung“ nicht gefunden.

Wie Gewerbetreibende aus dem Schanzenviertel die Ereignisse beurteilen

Piña Otey hat die Geschehnisse auf dem Dach aus verschiedenen Perspektiven heraus beobachten können. „Das waren Typen, die Flaschen geworfen und Fotos gemacht haben“, sagt er.

Gemeinsam mit einigen anderen Gewerbetreibenden des Viertels hat er wenige Tage nach dem Gipfel eine Stellungnahme veröffentlicht. Sie beschreiben darin ihre Sicht der Dinge: Es sei für sie nicht nachvollziehbar, hier von einem geplanten „Hinterhalt“ zu sprechen. Überhaupt seien an dem Abend die meisten Randalierer „erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure und Partyvolk“ gewesen, denen man eher auf dem Schlagermove oder einem Bushido-Konzert begegnen würde als auf einer linken Demo.

Manche Vermummte hätten den Angreifern die Eisenstangen abgenommen und kleine, inhabergeführten Läden geschützt. „Wir beobachteten das Geschehen leicht verängstigt und skeptisch“, heißt es in der Stellungnahme. „Aber die Komplexität der Dynamik, die sich in dieser Nacht hier Bahn gebrochen hat, sehen wir weder in den Medien noch bei der Polizei oder im öffentlichen Diskurs angemessen reflektiert.“

Anfangs, sagt Piña Otey, sei es ein gut organisierter schwarzer Block gewesen, der in der Schanze unterwegs war. „150 bis 200 Leute, sehr koordiniert, die sich mit Handzeichen und Kommandos verständigten und gegen die Polizei angingen – mit einer Entschlossenheit und Massivität, wie ich sie hier noch nie erlebt habe.“ Darauf habe die Polizei sich zurückgezogen und nur noch Wasserwerfer vorgeschickt.

„Die meisten Randalierer waren Kids“

Dann aber, nach einer Dreiviertelstunde vielleicht, seien diese gut koordinierten Gruppen verschwunden. Zu diesem Zeitpunkt seien die Läden noch nicht angegriffen worden. „Dann kamen die Gaffer. Und in deren Windschatten die, die im Polizeijargon erlebnisorientierte Jugendliche heißen.“ Zwar seien noch immer auch schwarz Vermummte zu sehen gewesen. „Aber die meisten Randalierer waren Kids, 15 bis 20 Jahre alt vielleicht, viele alkoholisiert. Man hat gemerkt, dass sie nicht organisiert und nicht vorbereitet waren, manche waren mit ihrem T-Shirt vermummt. Die haben sich gegenseitig beim Randalieren gefilmt und bei Nachbarn gefragt, ob man hier irgendwo Speed kaufen kann.“

Die Polizei, glaubt er, sei vielleicht durch die ersten Gruppen eingeschüchtert gewesen. „Aber als die weg waren, hätte sie das von den Schanzenfesten erprobte Vorgehen wieder abrufen können.“ Ähnlich hat es auch Anwohner Mario erlebt. Der 40-Jährige war den Abend vor Ort. „Ich habe fast nur Wodka-Mate-Kids gesehen“, sagt er. Die Eskalation habe sich über Stunden gesteigert. „Erst waren da die Feuer. Dann haben sie die Bretter von den Schaufenstern gerissen, um sie zu verbrennen. Dann wurden die Scheiben eingeworfen. Und dann gingen die Plünderungen los.“ Die Ereignisse beschäftigen ihn noch immer. „Wir, die Anwohner und Gewerbetreibenden, standen ja zwischen zwei Fronten“, sagt er. „Auf der einen Seite waren die Zerstörer. Und wir standen da und dachten: Wo bleibt die Polizei? Wir waren sprachlos, dass niemand kam.“

Nun läuft die Diskussion über die Rote Flora. Dabei habe er immer wieder Leute gesehen, die aus der Flora kamen, um Feuer auszutreten und sich Randalierern entgegenzustellen. „Nachbarn haben mir erzählt, dass sie unseren Laden geschützt haben“, sagt auch Andreas Diederich. Zu Recht, meinen alle, muss sich das Zentrum der Kritik stellen, alles im Vorfeld mitorganisiert zu haben. „Aber an dem Abend haben sich einige auch mit den Kids geprügelt, um sie aufzuhalten“, sagt Piña Otey.

Klima der Ohnmacht und Hilflosigkeit

Dass die Polizei nun gefeiert wird, ist Mario unbegreiflich. „Man hätte alles früh und mit wenig Aufwand beenden können“, sagt er. „Entweder war die Polizei schlecht vorbereitet und überfordert. Oder sie hat das Chaos billigend in Kauf genommen.“

Zumal die Einheiten sonst nicht zögerlich aufgetreten sind. Zwar sagt Bürgermeister Olaf Scholz: „Polizeigewalt hat es nicht gegeben.“ Doch gibt es 35 Ermittlungsverfahren gegen Beamte, in 27 Fällen wegen Verdachts der Körperverletzung. Auch auf Bildern und Videos sind Attacken zu sehen. Augenzeugen und Reporter berichten, dass friedliche Demonstranten und Unbeteiligte angegriffen wurden. „Ich kenne einige, die es richtig erwischt hat“, sagt Mario.

Die harte Linie schon im Vorfeld habe die Stimmung aufgeheizt, kritisieren viele. „Im Viertel hat seit Wochen Ausnahmezustand geherrscht“, sagt Piña Otey. „Leute wurden auf dem Weg zur Arbeit angehalten, an die Wand gedrückt.“ Es habe ein Klima der Ohnmacht und Hilflosigkeit geherrscht. Ohne diese Vorgeschichte, sagt er, könne man auch die Geschehnisse am Gipfelwochenende nicht verstehen. „Bei einem Gipfel, wo es so viele verschiedene Formen des Protests gibt, funktioniert eine Null-Toleranz-Strategie nicht. Die Polizei hat bewusst mit an der Eskalationsschraube gedreht.“ Dass die Wut sich nun „wahllos, blind und stumpf auf diese Art und Weise artikulierte, bedauern wir sehr“, heißt es in der Stellungnahme. „Es lässt uns auch heute noch vollkommen erschüttert zurück.“

Piña Otey hat für seinen Text erst viel Zuspruch bekommen – und dann noch mehr Hass. Eigentlich wollte er eine ergänzende Perspektive liefern, sagt er, und die Hysterie entschärfen. Doch je mehr Menschen außerhalb Hamburgs den Text lasen, desto wütender wurden die Reaktionen. Plötzlich bekam er Drohmails aus weit entfernten Provinzen: Man werde seinen Zeckenladen abfackeln.

Was bleibt, ist viel Unverständnis auf allen Seiten und eine gewisse Hilflosigkeit. „Risse gehen durch den Freundeskreis“, sagt Piña Otey.

„Plötzlich gehen alle aufeinander los“, sagt Andreas Diederich. Niemand hier wolle die Krawalle verharmlosen. Aber es müsse doch möglich sein, sowohl Randalierer als auch Polizei zu kritisieren.

„Beschissen“ sei die Situation derzeit, empfindet es Mario. „Mich hat erschreckt, mit welcher Wut und Heftigkeit manche Leute reagieren, auch in meinem Umfeld.“ Eigentlich gebe es nur Verlierer. „Ich habe das Gefühl, es liegt ein Schleier über der Stadt.“

G20-Wunden schmerzen stärker als eingeworfene Scheiben

Die Wunden, die G 20 hinterlassen hat, schmerzen stärker als eingeworfene Scheiben. Der Gipfel hat Stadt und Gesellschaft gespalten. Viele, die hier wohnen, ärgern sich, dass jeder vor dem Fernseher zu wissen glaubt, was passiert ist. „Es kommen jetzt Katastrophentouristen in die Straße“, sagt Andreas Diederich. „Die sind enttäuscht, dass hier nicht alles in Trümmern liegt.“

Bei der „Hamburg räumt auf“-Aktion, erzählt Piña Otey, seien unter anderem Leute aus den vornehmen Stadtteilen Blankenese und Eppendorf gekommen, um das geschundene Viertel zu säubern. Auch „Wutbürger mit Zahnbürsten“ seien dabei gewesen. „Manche mussten von den Anwohnern aufgehalten werden, weil sie anfingen, die alten Graffiti von den Häusern zu schrubben.“

Am Schulterblatt, in der geplünderten und von vielen im Viertel geliebten Drogerie Budnikowsky, werden die Regale wieder eingeräumt. Tagelang war das Geschäft geschlossen. Filialleiterin Sabrina sagt, sie sei fassungslos gewesen, als sie die Bilder im Fernsehen sah. „Der Laden ist wie mein Baby.“ Wer es war? Sie zuckt die Schultern. „Ich glaube nicht, dass jemand von unseren Stammkunden dabei war, aber ich will es auch gar nicht wissen“, sagt sie. „Wir haben uns bewusst entschieden, allem aus dem Weg zu gehen, was politisch ist. Recht machen kann man es derzeit sowieso niemandem.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier G20 in Hamburg

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