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Hambacher Forst „Der Hambacher Forst ist nicht zu retten“

RWE-Chef Schmitz spricht im Interview über die Rodung des Waldes, den Anstieg von C02 und die Wachstumsziele des Konzerns.

Hambacher Forst
„Das große Polizeiaufgebot wäre nicht erforderlich, wenn es bei den Protesten im Hamacher Forst nur um den Klimaschutz gehen würde.“ Foto: dpa

Herr Schmitz, respektieren Sie die Entscheidung der Kohlekommission?
Die Entscheidungen der Kommission sind nicht bindend. Sie sind wichtig, aber sie sind nur Empfehlungen für die Bundesregierung. Man muss berücksichtigen, wie sich ein Enddatum auf bestehende Genehmigungen von Tagebauen und Kraftwerken auswirkt. Die Verantwortung hat die Bundesregierung.
 
Warum warten Sie nicht mit den Rodungen, bis die Kommission einen Vorschlag vorgelegt hat?
Wir warten jetzt das Urteil des OVG Münster ab. Wenn wir roden dürfen, fangen wir an. RWE hat schon im vergangenen Jahr auf die Rodungen verzichtet. Jetzt ist der Puffer aufgebraucht. Ich kann nicht verantworten, die Entscheidung der Kommission abzuwarten. Wir hatten in den sechs Jahren 700 Straftaten gegen unsere Mitarbeiter und Anlagen. Mitte Dezember wird wahrscheinlich nicht mehr genug Polizei da sein, um unsere Mitarbeiter in dem verbleibenden Zeitraum ausreichend zu schützen. Denn dann gibt es die Weihnachtsmärkte, Silvester und vieles mehr, dass die Polizeikräfte bindet. Man darf aber nur bis Ende Februar roden.

Beeindruckt Sie der Protest?
Ich liebe die Natur und gehe auch gerne im Wald spazieren. Für den Kohleausstieg zu demonstrieren, ist völlig in Ordnung. Wir müssen mittelfristig auf fossile Energieträger verzichten. Der Weg aus der Braunkohle ist aber längst beschlossen und unser Ausstieg hat längst begonnen. Wir haben das Ziel, die CO2-Emissionen bis 2030 um 61 Prozent in der Energiewirtschaft zu reduzieren, längst akzeptiert. Das geht aber nur dann, wenn wir bis dahin 65 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien haben. 

Überrascht Sie der Widerstand?
Das große Polizeiaufgebot wäre nicht erforderlich, wenn es bei den Protesten im Hamacher Forst nur um den Klimaschutz gehen würde. Wir haben es hier aber leider auch mit Straftätern aus der linksautonomen Szene zu tun. Da wird nicht die Energiepolitik, sondern unsere demokratische Grundordnung infrage gestellt. 
 
Hat Sie der tödliche Absturz im Forst berührt?
Das hat mich sehr betroffen gemacht. Ich hatte immer Angst, dass etwas passieren kann. Ich bin im Urlaub viel in den Bergen unterwegs und weiß, wie wichtig Eigensicherung ist.

Warum fällt es Ihnen so schwer, auf die Kohlegegner zuzugehen?
Das sehe ich anders. Wir haben ja ein Moratorium angeboten – unter der Bedingung, dass es danach keinen Protest gegen die Rodungen gibt. Das haben die Umweltverbände abgelehnt. Der Hambacher Forst ist nicht zu retten, egal was die Kommission entscheidet. Ein „rheinischer Kompromiss“ ist technisch nicht möglich.

RWE hat aber Flüsse und Autobahnen wie Spielzeug verrückt …
Ohne die Kohle aus Hambach steht der Betrieb still. Es gibt keine Chance, den Wald stehen zu lassen. Wir brauchen die Erdmassen unter dem Restwald, um die Böschungen stabil zu halten. Wir holen die Kohle aus 400 Meter Tiefe. Man kann nicht einfach steile Böschungen stehen lassen. 
 
Sie haben also ein Kommunikationsproblem …
Ja, das muss ich aushalten. Im Kampf um die Rettung des Waldes ist jede Rationalität abhandengekommen. Wir reden über 43 000 Bäume beziehungsweise 200 Hektar Wald. Allein in NRW gibt es 900 000 Hektar Wald und wir selbst haben mehr als zehn Millionen Bäume auf der Sophienhöhe gepflanzt. Man darf auch nicht vergessen, die Kohle aus Hambach versorgt unsere modernsten Kraftwerke, mit der geringsten Luftbelastung. 
 
RWE behauptet, ein Abbaustopp in Hambach würde vier bis fünf Milliarden Euro kosten. Treiben Sie die Preise für eine mögliche Ausgleichzahlung hoch?
Nein – wenn es nach uns geht, müssten solche Ausgleichzahlungen gar nicht erfolgen. Die Summe bezieht sich auf theoretische Kosten, die durch eine frühere Beendigung der Stromproduktion entstehen, die Kosten für den Umbau noch laufender Kraftwerke, die Renaturierung und das Personal. 

War der Deal mit Eon ein willkommener Weg, diese belastete Sparte abzuspalten und das unbelastete Geschäft der Ökostromerzeugung zu übernehmen?
Nein, überhaupt nicht. Für uns war immer klar, dass unser Geschäft aus der Produktion von Strom besteht – und zwar aus allem, was es nur gibt. Es war immer unser Ziel, auch ins Geschäft mit erneuerbaren Energien einzusteigen. Jetzt kümmern wir uns um die Energiewende und produzieren in den kommenden Jahrzehnten möglichst CO2-frei aus Wind, Sonne und Photovoltaik. Zudem sichern wir die Versorgungssicherheit in der Zukunft mit einfachen Gasturbinen, möglicherweise kommt der Strom dann auch aus Biomasse. Wir sind Vorreiter in der Transformation. Dass das im Moment nicht so wahrgenommen wird, ist schade. Man denkt bei RWE immer an Braunkohle, das muss sich ändern.
 
 

Stecken Sie tatsächlich genug Ressourcen in die Entwicklung der erneuerbaren Energien?
RWE hat mehr als 13 Milliarden Euro investiert und wird künftig jedes Jahr 1,5 Milliarden für Erneuerbare in die Hand nehmen können. Aber wichtig ist auch der Netzausbau. Da kann ich den Wirtschaftsminister nur unterstützen. Wir hätten eine Kommission für den Netzausbau und die erneuerbaren Energien gebraucht, in der sich auch die NGOs einbringen. Der Kohleausstieg kommt dann von selbst. Er ist zudem durch das Aus für die Kernenergie aufgehalten worden. Man hat durch die erneuerbaren Energien den CO2-freien Strom aus Kernenergie ersetzt. Und wenn die Kernenergie 2022 komplett rausgeht, wird der CO2-Ausstoß in Deutschland vermutlich sogar wieder steigen und erst bis 2030 deutlich runtergehen.
 
In welcher Position befindet sich RWE, wenn der Deal mit Eon und Innogy durch ist?
Wir werden auf einen Schlag Europas drittgrößter Ökostromproduzent. Wir brauchen diese Größe und Investitionsvolumen auch, um die besten Einkaufsbedingungen zu bekommen. Es ist gut, wenn ein deutsches Unternehmen sich in diesem Markt mit den Spaniern und Italienern messen kann. 
 
Wie fühlen Sie sich als Buhmann der Nation?
Ich fühle mich als jemand, der verantwortlich handelt und mit den Tatsachen berichtet. Es mag sein, dass viele jetzt gerne auf RWE draufhauen. Das hält mich nicht davon ab, meinen Überzeugungen treu zu bleiben. Und ich hoffe weiter darauf, dass eine Versachlichung der Diskussion irgendwann fruchtet. Als beim Ausstieg aus der Kernenergie ein Konsens gefunden worden war, kehrte an der Protestfront gegen die Kernenergie Ruhe ein. Ich hoffe, dass eine Entscheidung der Kommission die gleiche Wirkung zeigt. 
 
Interview: Evelyn Binder, Carsten Fiedler, Hendrik Geisler, Bernd Rupprecht und Gerhard Voogt 

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