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Haiti Eine Figur wie aus einem Roman

Der populäre Musiker Michel Martelly wird neuer Präsident des Karibik-Staates. Besonders viele junge Menschen haben ihn gewählt, die ihn auch wegen seiner politischen Unerfahrenheit geeignet finden. Vor Martelly liegt der schwere Weg des Wiederaufbaus.

Michel Martelly, Jahrgang 1961, ist seit Ende der 8Oer Jahre Musiker und ging 2010 in die Politik. Foto: rtr

Es war an einem dieser warmen karibischen Winterabende Ende November, als Michel Martelly seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellte. Ins hübsche Hotel Ibo Lele in den Bergen weit über der drückenden Armut von Port-au-Prince hatte er Freunde und Teile der haitianischen Elite zu einer Spendengala eingeladen. Es gab Drinks, Finger-Food und Versprechen. Im dunklen Anzug zählte Martelly an einem Rednerpult die Versäumnisse der vergangenen Regierungen auf – und das, was er alles anders machen will.

Daneben liefen in einer Endlosschleife Dias über eine Leinwand: Martelly mit New Yorks Bürgermeister Bloomberg, Martelly im Interview von internationalen TV-Sendern. Er schien schon damals ganz der Staatsmann, der er jetzt wird, nachdem die Wahlkommission am Montag (Ortszeit) bekanntgab, dass er die Stichwahl um Haitis Präsidentenamt überraschend klar gewonnen hat.

Dabei ist der künftige Staatschef den Haitianern in Schlips und Kragen noch recht unvertraut. Für viele kam es überraschend, als er sich im August in die Wahlliste eintrug. Die Menschen kennen den 50-Jährigen viel besser als Sweet Mickey, den „Bad Boy“ der Compas-Musik, jener haitianisch gemächlichen Merengue-Variante. Sweet Mickey trug auf seinen Konzerten gerne Röcke und Bikinis, ließ manchmal ganz die Hosen runter, belegte seine Feinde schon mal mit Voodoo-Verwünschungen und zeigte sich ab und zu mit paramilitärischen Schlägern. Eine romanhafte Figur.

Haiti liegt noch immer in Trümmern

Heute aber ist Martelly ein begabter Redner, spricht floskelhaft wie ein Polit-Profi: Er wolle Chancen und Jobs nicht nur in Port-au-Prince, sondern „in ganz Haiti“ schaffen, sagt er. Die Haitianer sollten „anders als früher miteinander und nicht gegeneinander arbeiten“. Und sein Hauptaugenmerk liege nicht nur auf Bildung, Gesundheit und Wiederaufbau, sondern auch auf der Kultur: „Es gibt im ganzen Land kein einziges Kino mehr.“ Martelly ist Sohn eines Shell-Öl-Managers. Er wuchs in Carrefour, einem Vorort von Port-au-Prince auf, wurschtelte sich durch die Schule, bis der Vater ihn in die USA aufs College schickte. Doch er brach die Uni ab, jobbte auf dem Bau, kehrte Ende der 80er Jahre in seine Heimat zurück und gründete eine Band. Er verjüngte die Compas-Musik – so wurde sie für die Jugend hörbar. Das machte sich jetzt bezahlt, denn vor allem die Unterstützung der jungen Haitianer hat ihm ins Amt geholfen.

Zu Hilfe kam ihm auch die Unterstützung seines Musiker-Freundes Wyclef Jean. Der weltbekannte Hip-Hop-Star durfte selbst nicht zur Wahl antreten und rief seine Anhänger dazu auf, bei der zweiten Runde der Wahl für Martelly zu stimmen. Der neue Präsident steht vor enormen Herausforderungen. Das chronisch kriselnde und arme Haiti liegt nach dem Beben von Januar 2010 in Trümmern und muss von Grund auf aufgebaut werden.

Grund für Martellys Erfolg ist gerade seine politische Unerfahrenheit. Die Bevölkerung des ärmsten Landes der westlichen Hemisphäre hegt tiefes Misstrauen gegen Politiker, die in den Jahrzehnten seit Ende der Duvalier-Diktatur nichts an der Situation des Landes verbessern konnten.

Neben dem Wiederaufbau muss sich Martelly mit den politischen Altlasten beschäftigen. Ex-Präsident Bertrand Aristide und Ex-Diktator Jean-Claude Duvalier sind aus dem Exil in die Heimat zurückgekehrt und stellen für die Stabilisierung und Demokratisierung Haitis eine Gefahr da.

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