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Häusliche Gewalt „Die Männer müssen verstehen, was sie ihren Frauen antun“

Psychologe Gerhard Hafner über Schläge in der Familie und Verhaltenstraining für junge Väter.

Faust
„Wann ballt er die Faust, wann wird er rot, wann schlägt das Herz schneller?“ Foto: Imago

Herr Hafner, Ihre Einrichtung in Berlin hilft gewalttätigen Männern, einen Ausweg aus ihrer Lage zu finden. Sie wenden sich vor allem an Männer mit Migrationshintergrund. Kommen etwa viele gewaltbereite Migranten zu uns?
Nein, das kann ich so nicht bestätigen. Wir führen dazu keine Statistiken. Wir sehen, dass es gewalttätige Männer gibt; woher sie kommen, welcher Ethnie oder welchem Kulturkreis sie angehören, berücksichtigen wir wohl, es steht für unsere Arbeit gegen häusliche Gewalt jedoch nicht im Zentrum. Wir erkennen auch nicht, dass es in einer Gruppe mehr oder weniger gewalttätige Männer gibt. Manche haben einen anderen als den deutschen kulturellen Hintergrund, aber es ist unklar, inwieweit er ihre Gewalttätigkeit beeinflusst. Aus unserer Arbeit wissen wir, dass gewalttätige Männer in allen Bevölkerungsgruppen vorkommen. Wir arbeiten also keineswegs vor allem mit Männern mit Migrationshintergrund.

Kommen Ihre Klienten selbst zu Ihnen?
Die meisten werden geschickt oder gewiesen. Viele kommen über Jugendämter. Das sind junge Familienväter, die kleine Kinder haben. Familien mit Kleinkindern erleben häufig Konflikte. Wenn die Eltern sich zum Beispiel über bestimmte Rollen und Aufgaben streiten, dann kommt es manchmal zu Gewalt. Die älteren Männer, die zu uns kommen, haben übrigens meistens keinen Migrationshintergrund und melden sich von sich aus.

Wie kriegen Sie einen geflüchteten Mann, der gewalttätig geworden ist, dazu, sich mit eigenen Problemen auseinanderzusetzen?
Das ist die psychologische Professionalität, aus einer Weisung eigene Motivation entstehen zu lassen. Den Männern ist ja klar, dass es nicht männlich ist, seine Frau zu schlagen. Das legen weder die Bibel noch der Koran nahe. Natürlich wissen viele auch, dass die Gewalt gegen die Mutter ihrer Kinder schädlich ist für die Kinder und die ganze Familie. Ich arbeite parallel im kooperierenden Projekt „Kind im Blick“, das die Kinder stärkt und besonders den Vätern die gravierenden Auswirkungen von Partnerschaftsgewalt auf die Kinder deutlich macht.

Wie sprechen Sie über Gewalt?
Bevor es dazu kommt, lassen wir die Männer erst einmal ihre Geschichte erzählen, zum Beispiel von ihrer Flucht. Wir hören zu, wollen erfahren, was sie durchlitten haben. Wir hatten zum Beispiel einen christlichen Mann aus Bagdad. Er erzählte uns, was er als Minderheit alles ertragen musste, bevor er sich mit seiner kleinen Familie zur Flucht entschlossen hatte. Uns ist wichtig, dass die Männer verstehen, dass wir in ihnen nicht nur einen Täter sehen, sondern einen Menschen mit einer eigenen Geschichte. Das ist ein ganz grundsätzlicher Punkt in unserer Arbeit: Männer, die zu uns kommen, sind zwar Täter, aber nicht nur Täter. Sie haben eine persönliche Geschichte, haben oft eigene Gewalterfahrungen. Doch indem sie von sich reden, verstehen sie auch, was sie einem anderen Menschen, was sie ihrer Frau antun.

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