Lade Inhalte...

Häusliche Gewalt Der Feind im eigenen Haus

Viele geflüchtete Frauen wurden von ihren Männern misshandelt. Es dauert lange, bis sie sich trauen, darüber zu sprechen.

Passar und Reza
Malineh Passar (links) und Lina Reza haben im Café Milena in Frankfurt Zuflucht gefunden,. Foto: Michael Schick

Eineinhalb Jahre hat es gedauert, bis Malineh Passar sich traute, die Wahrheit zu sagen. „Vorher habe ich immer erzählt, dass ich verheiratet bin und mein Mann noch im Iran ist“, sagt die 46-Jährige mit den leuchtend blauen Augen und den schwarzen Locken. Drei Jahre lang hat sich Malineh Passar, die in ihrer Heimat als Grundschullehrerin arbeitete, gegen die Schläge und die Unterdrückung durch ihren Ehemann vor Gericht gewehrt. Sie hatte Glück – ihr Vater war auf ihrer Seite und half ihr, dem drogen- und alkoholabhängigen Mann zu entkommen und sich scheiden zu lassen.

Unzählige Besuche beim Arzt waren nötig, erzählt die Iranerin, um die blauen Flecken und Verletzungen zu dokumentieren, die beweisen sollten, was sie durchmachen musste. Dann, endlich, durfte Malineh Passar sich scheiden lassen. Doch eine geschiedene Frau wird im Iran geächtet, ihre Freunde distanzierten sich von ihr. „Geschiedene Frauen im Iran müssen allein bleiben und kaputtgehen“, sagt sie.

Im September 2015 kam sie mit ihrem heute 16-jährigen Sohn von Teheran nach Frankfurt; dann dauerte es 18 Monate, bis sie der neuen Sicherheit traute. „Heute weiß ich, dass ich ganz offen darüber sprechen kann, dass ich geschieden bin“, sagt die Iranerin und lächelt.

„Die Frauen und Männer in Deutschland behandeln mich deshalb nicht schlechter. Ich bin endlich frei.“ Sie sitzt im Gemeinschaftsraum des Flüchtlingscafés Milena in Frankfurt. An vier Tagen die Woche können geflüchtete Frauen hierher kommen und zum Beispiel Deutsch lernen. Den Unterricht erteilen Ehrenamtliche, sie organisieren auch die Kinderbetreuung.

„Wenn sie die Kinder nicht mitbringen können, nehmen viele Frauen unser Angebot nicht wahr“, erläutert Odmandakh Ganzorig. Sie ist eine der Mitarbeiterinnen im Café und füllt dabei viele Rollen aus: Sie ist Lehrerin, Organisatorin, Motivatorin und auch eine Art Seelsorgerin. Zugewanderte Frauen haben den Verein, der das Café trägt, gegründet. „Es dauert meist sehr lange, bis die Frauen sich uns anvertrauen. Sie kommen aus Staaten, deren Sicherheitsbehörden sie nicht trauen können. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass die Polizei korrupt ist und ihnen nicht hilft, wenn ihre gewalttätigen Männer die Sicherheitskräfte für ihr Schweigen bezahlen“, sagt Ganzorig.

Hölle aus Gewalt und Unterdrückung

Sie und ihre Kolleginnen erfahren von Misshandlungen nur, wenn Vertrauen gewachsen ist. „Wenn die Frauen sich in unseren Räumen sicher fühlen, fangen manche an zu weinen, und dann können wir sie fragen, was geschehen ist.“

Lina Reza kommt aus Afghanistan und sitzt neben Malineh Passar auf dem Sofa im Café. Sie ist ebenfalls vor zwei Jahren nach Deutschland geflohen. In Kandahar arbeitete sie als Biologie-Lehrerin, ihr Mann war Übersetzer für die amerikanischen Luftstreitkräfte. Er habe sie ebenfalls misshandelt, sagt die 47-Jährige.

„Er hat mich geschlagen, viel geschlagen“, erzählt sie, „aber niemand tut etwas dagegen. Das ist ganz normal in Afghanistan.“ Als die Taliban kamen, verschlimmerte sich Lina Rezas Leben. Die Extremisten töteten ihren Mann. Ihr erlaubten sie nur noch mit einer Burka, aus dem Haus zu gehen. „Ich habe in den 80er Jahren studiert, da war Afghanistan so liberal, dass Frauen ihre Rechte hatten“, sagt sie. Doch unter den Taliban lebte sie in einer Hölle aus Gewalt und Unterdrückung. Sie floh nach Europa.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum