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Gynäkologe Diedrich „Kein Aufschluss über blaue Augen und blonde Haare“

Der Gynäkologe Klaus Diedrich spricht im FR-Interview über die Möglichkeiten genetischer Diagnostik vor dem Einpflanzen des Embryos.

21.12.2010 19:16
Professor Klaus Diedrich ist Direktor der Universitäts-klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Lübeck. Foto: pr

Herr Professor Diedrich, in welchen Fällen ist Präimplantationsdiagnostik (PID) sinnvoll?

Wenn in einer Familie eine schwere, genetisch bedingte Erkrankung bekannt ist, wie die spinale Muskelatrophie oder Morbus Duchenne ? Muskelschwund, der bis zur Atemlähmung führen kann. Das sind dramatische Krankheitsbilder. Da halte ich es für sinnvoll, die Paare zu PID zu beraten. Entscheiden muss am Ende das Paar selbst. Es hat ja auch die Möglichkeit, eine Schwangerschaft auf Probe zu wagen.

... mit dem Risiko einer Abtreibung ? klingt sehr belastend...

Ja, aber das ist eine PID auch. Die Frau muss sich auf eine Hormonbehandlung einlassen, damit mehrere Eizellen gewonnen werden können, die operativ entnommen und, nach der Befruchtung im Reagenzglas, zwei, drei Tage später wieder eingesetzt werden.

Sobald sich herausgestellt hat, dass der Embryo gesund ist...

Ob der Embryo gesund ist und sein wird, können wir mit PID gar nicht feststellen. Wir können nur ausschließen, dass er die in der Familie vorkommende Erbkrankheit in sich trägt.

Sie können dabei nicht testen, ob er eine andere Erbkrankheit hat?

Theoretisch ist es möglich, aber das ist nicht sinnvoll. Schließlich ist das ein hoch kompliziertes Verfahren, bei dem wir ohnehin nur nach monogenetischen Erkrankungen fahnden können, wie der Mukoviszidose. Es ist nicht möglich, auf Krankheiten zu testen, die auf mehreren Genen liegen. Deshalb ist die Diskussion über Designerbabys auch unsinnig: Ob das Kind blaue Augen und blonde Haare hat, wird von so vielen Genen bestimmt, das können wir mit PID nicht erkennen.

Was ist, wenn die Familie mehr als eine Erbkrankheit hat?

Dann gucken wir natürlich nach beiden Krankheiten. Aber das kann dann immer noch bedeuten, dass das Kind an Trisomie 21 erkrankt. In der vom wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer erarbeiteten PID-Richtlinie (offiziell nur noch ein Diskussionsentwurf) ist festgelegt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Trisomie 21 bei über 40-jährigen Schwangeren mit drei Prozent zu niedrig ist, als dass sie ? allein wegen des Alters der Mutter ? eine Indikation für PID sein kann.

Es wäre also nicht erlaubt, wenn man ohnehin eine PID vornimmt, nebenbei auch noch die Trisomie 21 mit auszuschließen?

Das müsste meines Erachtens im Einzelfall entschieden werden.

Wer sollte entscheiden, ob eine PID angezeigt ist?

Meine persönliche Meinung ist: Die Entscheidung sollte dem Paar überlassen bleiben. Wir reden hier ja von Menschen, die einen Kinderwunsch haben, aber in ihrer Familie etwa miterlebt haben, wie ein Kind mit 15, 16, auf dem Höhepunkt des Leidens ankommt, um oft noch vor dem 20. Geburtstag zu sterben. Der Reproduktionsmediziner sollte das Paar zusammen mit einem Humangenetiker und einem Kinderarzt beraten, der sich mit der jeweiligen Krankheit auskennt. In grenzwertigen Fällen, wie bei erblichem Brustkrebs, sollte eine Ethikkommission fallbezogen entscheiden.

Interview: Frauke Haß

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