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Gurlitt-Sammlung Beigeschmack einer Entrümpelung

Sechs von 1566 Werken aus der Sammlung von Gurlitt konnten bisher als NS-Raubkunst ermittelt werden. Damit sich dies ändert, stehen jetzt rund 250 Gurlitt-Werke im Schaufenster der Bonner Bundeskunsthalle

Schau in Bonn
Die Schau in Bonn reflektiert auch das Echo des „Schwabinger Kunstfundes“. Foto: afp

Im Winter 1939 kam es in Leipzig zu einem bizarren Wettlauf um die Kunstsammlung des jüdischen Musikverlegers Henri Hinrichsen. Dieser hatte bereits seinen Verlag im Zuge der „Arisierung“ zum Spottpreis abgeben müssen, nun war sein Kunstbesitz an der Reihe. Als einer der ersten auswärtigen Kunsthändler reiste Hildebrand Gurlitt aus Hamburg an und kaufte Hinrichsen mehrere Zeichnungen und Drucke ab. Hinrichsen blieb keine andere Wahl, denn er brauchte Geld, um die ihm für die Ausreise aus Deutschland auferlegte „Reichsfluchtsteuer“ zu bezahlen. 1940 durfte er mit seiner Ehefrau nach Belgien übersiedeln, wo er vergeblich auf ein Visum in die USA hoffte.

Hinrichsens Ehefrau starb in dieser Zeit, weil sie als Jüdin kein Insulin zur Behandlung ihrer Zuckerkrankheit erhielt. 1942 wurde Hinrichsen in Belgien verhaftetet, nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Erst 2012 tauchte ein Werk aus diesem schäbigen Handel wieder auf – in der Münchner Wohnung von Hildebrand Gurlitts Sohn Cornelius. Es ist eine kleine, „Das Klavierspiel“ betitelte Zeichnung von Carl Spitzweg und zeigt eine junge Dame am Piano, die von einem Flötenspieler begleitet wird. An sich ist diese biedermeierliche Szene nichts Besonderes: Sie wirkt rasch hingeworfen, eine flüchtige Skizze für ein Gemälde. Und doch ist sie eine der wenigen Arbeiten des „Schwabinger Kunstfunds“, von denen feststeht, dass sie ihrem Besitzer im NS-Staat – wie es im juristischen Jargon heißt – „verfolgungsbedingt entzogen“ wurden.

Lediglich sechs von 1566 Werken aus dem angeblichen „Nazischatz“ Cornelius Gurlitts konnten bisher als NS-Raubkunst ermittelt werden – und lediglich vier davon erhielten die Erben der einstigen Besitzer bislang zurück. Damit sich dies ändert, stehen jetzt rund 250 Gurlitt-Werke im Schaufenster der Bonner Bundeskunsthalle: Ein Jesuskind aus der Werkstatt von Lucas Cranach ist darunter, ein Kupferstich von Albrecht Dürer, Landschaften von Camille Corot und Paul Cézanne, Skizzen von Adolph Menzel und Max Liebermann, altmeisterliche Stillleben und sogar Gemälde von Heinrich Louis Theodor Gurlitt, dem Urgroßvater von Cornelius. Bei einigen Exponaten der „Bestandsaufnahme Gurlitt“ gibt es Indizien dafür, dass es sich um NS-Raubkunst handeln könnte. Die Mehrzahl der Werke hängt jedoch hier, weil sich nicht klären ließ, wie sie in den Besitz der Familie Gurlitt kamen.

Ob die Ausstellung daran etwas ändern wird, darf man bezweifeln. Schließlich stehen Abbildungen der verdächtigen Werke mitsamt Hinweisen zur Herkunftsgeschichte teilweise seit Jahren zur Begutachtung im Internet, und auch Hildebrand Gurlitts Geschäftsunterlagen sind längst publiziert. Warum sollten sich vor den Originalen neue Erkenntnisse einstellen? Stattdessen hat die „Bestandsaufnahme Gurlitt“ wohl vor allem symbolischen Wert: Mit ihr will der deutsche Staat beweisen, dass er verstanden und die jahrzehntelange Praxis des Wegsehens und Verschweigens in Sachen NS-Raubkunst ein Ende hat.

An der Sammlung Gurlitt wird ein Exempel statuiert, allerdings mit dem Beigeschmack einer Entrümpelung: Jedes Werk, das zurückgegeben werden kann, bezeugt den guten Willen und rechtfertigt die auch juristisch fragwürdigen Umstände des Falls – etwa die vermutlich illegale Durchsuchung der Wohnung von Cornelius Gurlitt. Es gehört zu den besonders dornigen Pointen des „Schwabinger Kunstfunds“, dass es möglicherweise eines staatlichen Rechtsbruchs bedurfte, um die Aufarbeitung des NS-Kunstraubs in den deutschen Museen entscheidend voranzubringen.

Aber darum geht es in der „Bestandsaufnahme Gurlitt“ so wenig wie um die kunsthistorische Qualität der Sammlung, die 2013 vom „Focus“ als Milliardenschatz verkauft wurde und heute auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt wird. Stattdessen steht die Geschichte des NS-Kunstraubs im Fokus und mit ihr die Schicksale jüdischer Sammler in Deutschland. Wobei der Kunstfund in dieser Hinsicht anscheinend nicht viel hergibt: Die Kuratoren stellen in kurzen Fallbeispielen Fritz Salo Glaser, Ismar Littmann, Albert Martin Wolffson oder Hans Lenthal vor, weil sich von ihnen ein Werk im „Schwabinger Kunstfund“ wiederfand oder es Hinweise dafür gibt, dass sie mit Hildebrand Gurlitt handeln mussten.

Das Drama der Familie Hinrichsen wird noch vergleichsweise ausführlich abgehandelt – die Stelle, an der Spitzwegs „Klavierspiel“ hängen sollte, bleibt in der Ausstellung allerdings leer. Bereits im Oktober 2014 hatte die Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ empfohlen, die Zeichnung an die Erben von Henri Hinrichsen zurückzugeben. Doch weil noch Unterlagen fehlen, um den juristisch berechtigten Erben zu bestimmen, befindet sie sich bis heute im treuhänderischen Besitz der Bundesrepublik Deutschland – und darf wegen des schwebenden Rückgabeverfahrens nicht gezeigt werden.

„Bestandsaufnahme Gurlitt – Der NS-Kunstraub und die Folgen“, Bundeskunsthalle Bonn, 3. November 2017 bis 11. März 2018. Der Katalog kostet 29,90 Euro.

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