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Günther Oettinger Ankunft in Europas Zentrale der Macht

Oettinger sitzt in seinem neuen Büro, trinkt schwarzen Tee mit Zucker - und geht seinen Job als Energie-Kommissar Europas entspannt an.

18.02.2010 14:02
Dorothée Junkers, dpa
Günther Oettinger sitzt in seinem neuen Büro, trinkt schwarzen Tee mit Zucker und lässt den Hund seines Sohnes unter der Europaflagge schlafen. Seinen Job als Energie-Kommissar geht er sichtlich entspannt an. Foto: dpa

Brüssel. Die Möbel stammen von Vorgänger Günter Verheugen, sie wirken verstaubt und werden noch ausgetauscht. Ansonsten ist die Stimmung im Büro des neuen deutschen EU-Kommissars Günther Oettinger entspannt. Direkt unter der blauen Europaflagge schlummert Sohn Alexanders schwarzer Mischlingshund Lucky. Oettinger trinkt schwarzen Tee mit Zucker. "Ich starte ohne Vorschusslorbeeren, aber auch ohne Vorbehalte", meint er zu seinen ersten Schritten auf Brüsseler Parkett. Nervös sei er nicht. "Aber neugierig und konzentrierter als sonst."

Der 56-Jährige hat allen Grund, zufrieden zu sein. Der Blick aus dem Fenster im neunten Stock des sternförmigen Berlaymont-Gebäudes fällt schräg nach unten auf das Ministerrats-Gebäude, wo die EU-Staaten tagen. Oettinger ist im Zentrum der Macht angekommen: Die EU-Kommission ist eine Art europäischer Geschäftsführung. Diesen Mittwoch hat er erstmals seine 26 Amtskollegen zur gemeinsamen Wochenkonferenz getroffen und sich den mehr als 600 Mitarbeitern der Generaldirektion "Energie" vorgestellt. Während seiner Vorbereitungszeit habe er sich an die Zeiten als "Junior-Jurist" erinnert, erzählt er, und erntet Applaus von seinen Mitarbeitern.

Günther, wer?

Vor allem mit Blick auf die Versorgungssicherheit steht sein Ressort seit Jahren ganz oben auf der Prioritätenliste der EU. Oettinger ist zuständig für Atomforschung und -sicherheit, Netze und Pipelines. Streiten Moskau und Kiew über den Gas-Transit nach Europa, muss er wie Ex-Energiekommissar Andris Piebalgs vermitteln. Auch beim Klima geht ohne den Energiekommissar wenig: Er ist zuständig, dass die Europäer Strom sparen, Windräder bauen oder ihre Häuser dämmen.

Der neue EU-Grundlagenvertrag ("Lissabon") schafft zudem eigene Kompetenzen für die EU-Ebene im Bereich Energie. "Seine Hauptaufgabe ist der Energie-Binnenmarkt", erklärt Georg Zachmann vom Think-Tank Bruegel. "Es gibt keine integrierte europäische Netzplanung, und das wird zunehmend zum Problem." Sprich, jedes EU-Land kümmert sich um seine Infrastruktur, es gibt zu wenig gemeinsame Planung oder grenzüberschreitende Netze. Dann hätten auch die Verbraucher mehr Auswahl, mit niedrigeren Preisen - das wäre echter Wettbewerb, erklärt der FDP-EU-Abgeordnete Alexander Graf Lambsdorff. "Wir können in Deutschland Autos aus Frankreich oder Wein aus Italien kaufen, aber beim Strom geht das nicht."

Und doch hatten Diplomaten, Europaabgeordnete und Kommissionsbeamte sowohl mit Blick auf die Person als auch auf das Ressort Energie zunächst überrascht reagiert. Günther wer?, fragten viele, als Angela Merkel im Oktober Oettinger nominierte. Wollte die Kanzlerin tatsächlich einen unbequemen Landesfürsten "abschieben"? Nicht nur, dass die CDU bei der Bundestagswahl 2005 im Südwesten wenig brillierte. Oettinger ist als hochintelligenter, fleißiger Polit-Profi gewinnend im kleinen Kreis, aber kein Menschenfänger auf großer Bühne. In Ungnade aber fiel er mit einer Trauerrede für Amtsvorgänger Hans Filbinger, einstiger NS-Marinerichter, den er als Gegner des Nazi-Regimes bezeichnet hatte und zurückrudern musste.

Andere EU-Regierungen wie Frankreich und Spanien schickten Schwergewichte nach Brüssel, Ex-Minister wie Michel Barnier oder Joaquín Almunia, kritisierten manche. Zentrale Wirtschaftsressorts seien Deutschland so durch die Lappen gegangen. Auch PR-mäßig habe ihm Merkel einen Bärendienst erwiesen - nicht einmal EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso habe sie rechtzeitig informiert. "Die Kanzlerin hat jemanden geschickt ohne europapolitische Erfahrung, aber das kann man Oettinger nicht anlasten", betont Lambsdorff.

Und sogar der politische Gegner bescheinigt Oettinger, er habe einen guten Start hingelegt. "Er ist engagiert, das begrüße ich", sagt der Grüne Reinhard Bütikofer. Für die nötige "fundamentale Umstellung der Energiepolitik" müsse er die gesamte Kommission gewinnen.

Oettingers "Schwänglisch"

Oettinger spreche schlechtes Englisch, "Schwänglisch" statt der Sprache Shakespeares? Bütikofer winkt ab. "Der ist doch nicht als Dolmetscher engagiert."Zumal Oettinger im Sommerurlaub in einem englischsprachigen Land Unterricht nehmen will.

Auch Oettinger selbst gibt sich gelassen: "Es wäre in jeden Kandidaten etwas hineinspekuliert worden." Vor allem die Anhörung im Januar im Europaparlament war sein Befreiungsschlag. Er sprach langsam, überzeugte mit Vorbereitung und Fachwissen, war locker und verbindlich. Auch personalpolitisch habe Oettinger "alles richtig" gemacht, heißt es: Mit Chefberater Michael Köhler und Generaldirektor Philip Lowe wählte er gut vernetzte Top-Kommissionsbeamte. Auch Oettinger selbst ist Profi-Netzwerker, Mitglied des CDU-Präsidiums ebenso wie der mächtigen Europa-Union, pflegt beste Kontakte in die Wirtschaft. Viele Kommissars-Kollegen kennt er seit Jahren, Siim Kallas etwa vom Tennisspielen.

Bis Pfingsten wolle er sich in Brüssel eingerichtet haben, erzählt Oettinger. Bei der Wohnung werde auch Lebensgefährtin Friederike Beyer mitreden. Die gut 24 Jahre jüngere PR-Dame zieht zwar nicht mit nach Brüssel. "Aber sie soll sich hier wohlfühlen", sagt Oettinger. "Ich bin da eher pflegeleicht." Wichtigste Kriterien: Nahe bei der Arbeit, und eine lebendige Gegend mit Restaurants und Geschäften. Nur die Wochenenden, die werde er "wohl eher in Stuttgart verbringen". (dpa)

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