Lade Inhalte...

Gülen Gülen-Bewegung gibt sich selbstkritisch

Der Stiftungsvorsitzende Karakoyun räumt die mangelnde Transparenz der Gülen-Bewegung ein. Die Zahl der Schüler in Deutschland geht stark zurück.

Ercan Karakoyun speaks during an interview with Reuters in Berlin
Ercan Karakoyun. Foto: Axel Schmidt (X03330)

Seit dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei im Sommer 2016 sind die deutsch-türkischen Beziehungen angespannt. Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fühlen sich auch in Deutschland nicht mehr sicher, erst recht seit bekannt wurde, dass türkische Imame im Namen des Verbands Ditib Erdogan-Gegner ausspioniert haben sollen. Die Ermittlungen wurden kürzlich eingestellt, Anhänger des Predigers Fethullah Gülen halten das aber für falsch.

„Wir sind immer mehr unter Druck“, sagt Ercan Karakoyun, als Beispiele nennt er Denunziation, Boykottaufrufe und in den regierungsnahen Medien verbreitete Fake News. Karakoyun, Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung und damit der wichtigste Vertreter der Gülen-Bewegung in Deutschland, richtet sich an diesem Mittwoch in einer Pressekonferenz in Berlin mit anderen Mitgliedern an die Öffentlichkeit. Das kommt nicht allzu oft vor, es ist der erste Auftritt dieser Art seit dem Putschversuch.

Karakoyun (36), in Schwerte geborener Stadtsoziologe und Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung, gilt Erdogan und seiner islamischen AKP als Todfeind, als Terrorist. Erdogan macht die Gülen-Bewegung für die Ereignisse in der Nacht des 15. Juli 2016 verantwortlich, als Teile des Militärs putschten. 241 Menschen kamen ums Leben, mehr als 2000 wurden verletzt. Mit der Benennung der Schuldigen war die AKP schnell bei der Hand. Es begann etwas, was viele eine Hexenjagd nennen: 150 000 Menschen wurden vom Staatsdienst suspendiert, Erdogan-Kritiker verschwanden im Gefängnis, ihre Familien werden bedroht und verfolgt.

Wie aktiv die Gülen-Bewegung auch in Deutschland ist, wissen die meisten Deutschen bis heute nicht. Hizmet, zu Deutsch etwa „Dienst“, trägt die Ideen des Predigers, der seit 1999 im Exil in den USA lebt, in die ganze Welt.

Nach eigenen Angaben will Hizmet vor allem die Bildung fördern. Gülens Motto lautet: „Baut Schulen statt Moscheen“. Rund 800 gibt es mittlerweile weltweit, die Bewegung ist in 150 Ländern aktiv. Auch in Deutschland begann die Gülen-Bewegung schon vor mehr als 30 Jahren mit der Gründung von Nachhilfevereinen. Heute betreibt sie Schulen und Kindergärten in mehreren Bundesländern, besonders aktiv ist sie in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, aber auch in Berlin.

Die bekanntesten sind das Gymnasium Dialog in Köln und das Wilhelmstadt Gymnasium im Berliner Bezirk Spandau, die Mehrheit der Kinder kommt aus türkischen Migrantenfamilien. Seit dem Putschversuch grassiert die Angst, Eltern meldeten ihre Kinder ab, die Schülerzahl ging insgesamt um 15 Prozent zurück. „Die Bedrohungssituation führt dazu, dass viele unserer Projekte gefährdet sind“, sagt Karakoyun.

150 000 Menschen engagieren sich in Deutschland für Hizmet, in Vereinen und Bildungseinrichtungen. Die dezentral aufgebaute Bewegung verfügt über ein dichtes Netzwerk. Es leistet beispielsweise Verfolgten aus der Türkei Hilfe bei der Ankunft in Deutschland. Mehr als 8000 Türken sind seit dem Putschversuch nach Deutschland geflüchtet, davon sind nach Angaben von Karakoyun rund die Hälfte Anhänger des Predigers.

Kritiker werfen Hizmet vor, es mit der Transparenz nicht sehr genau zu nehmen und über die Bildungsarbeit eine Islamisierung westlicher Gesellschaften vorantreiben zu wollen. Gülen vertrete einen konservativen Islam, lautet eine weitere Kritik. Aussteiger berichten von sektenähnlichen Strukturen.

Den Vorwurf mangelnder Transparenz bestreitet Karakoyun nicht. „Wir haben Fehler gemacht“, sagt er. „Wir hätten mehr informieren sollen, wofür wir stehen.“ Die Gleichberechtigung von Mann und Frau und die Trennung von Staat und Kirche halte die Bewegung für richtig. „Unser Islamverständnis ist mit demokratischen Werten und dem Grundgesetz vereinbar.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum