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Guatemala Radikale Juden aus Maya-Dorf vertrieben

Eine ultraorthodoxe Gemeinschaft flüchtet vor Gewaltdrohungen der Maya-Mehrheit - sie wurden wegen ihrer Bräuche kritisiert.

„Mit Steinen beworfen“: Die Lev-Tahor-Gemeinde fühle sich von der Dorfbevölkerung verfolgt. Foto: rtr

Viele Jahre lebte die Maya-Mehrheit und eine Gruppe streng orthodoxer Juden in einem kleinen Ort in Guatemala friedlich zusammen. Doch seit Ende vergangener Woche ist die ungewöhnliche Gemeinschaft aus Anhängern der Lev-Tahor-Gemeinde und Maya-Ureinwohnern in San Juan La Laguna beendet. Die rund 230 jüdischen Männer, Frauen und vor allem Kinder verließen am Freitag das Dorf am Atitlán-See, um vorerst in der Hauptstadt Guatemala City eine Bleibe zu suchen.

Vorausgegangen waren Drohungen, Ultimaten, Aggressionen und die Furcht auf Seiten der jüdischen Einwohner, ihnen drohe Gewalt seitens einer kleinen, aber radikalen Mehrheit in dem Dorf. „Wir sind Pazifisten, und um den Frieden aufrecht zu erhalten, gehen wir von hier fort“, sagte der Rabbiner der Lev-Tahor-Gemeinde, Uri Goldman. Sie hätten zwar das Recht, in San Juan La Laguna zu bleiben, aber dessen Bewohner hätten damit gedroht, sie zu lynchen.

Streit mit Touristen

Die Gemeinde, vertreten durch den Ältestenrat, wirft den streng religiösen Juden vor, sie hätten sich nicht an die Gebräuche des Dorfes angepasst, sie grüßten nicht, sie integrierten sich nicht und sie seien nicht bereit, in den Geschäften des Dorfes die geforderten Preise zahlen. „Wir fühlen uns eingeschüchtert von ihnen und haben das Gefühl, sie wollen unsere Religion und unser Gepflogenheiten ändern“, sagte Miguel Vásquez Cholotio, Mitglied des Ältestenrates.

Auch habe es Auseinandersetzungen mit Touristen gegeben, die Fotos von den ganz in schwarz gekleideten Juden machen wollten. Gerade dies ist ein sensibles Thema, da das Maya-Dorf im Department Sololá zu einem erheblichen Teil von Besuchern lebt.

Die Lev-Tahor-Familien ihrerseits beklagen sich, sie seien in dem Dorf belacht und beschimpft und in einzelnen Fällen sogar mit Steinen beworfen worden. Zuletzt hatte der Ältestenrat des Dorfes den rund zehn orthodoxen Familien ein Ultimatum gesetzt, bis zum Freitag den Ort zu verlassen. Ein Vermittlungsversuch der Staatsanwaltschaft für Menschenrechte blieb erfolglos.

Es hat den Anschein, dass vor allem Unkenntnis von Religionen und Gebräuchen der jeweils anderen Seite diesen Konflikt zum Ausbruch gebracht hat. Die einen nehmen als Beleidigung, was den anderen ihre Überzeugungen oder ihre Tradition vorschreiben.

Auffällig an diesem Kampf der Kulturen in der guatemaltekischen Provinz ist, dass Mayas und orthodoxe Juden anscheinend jahrelang ohne Probleme zusammenlebten. Der Konflikt schaukelte sich erst hoch, als vor wenigen Monaten mehrere Lev-Tahor-Familien aus Kanada zu den bereits in San Juan La Laguna lebenden zuzogen. Kanadischen Presseberichten zufolge flohen diese Familien vor Ermittlungen der Behörden wegen Vernachlässigung ihrer Kinder, Misshandlung und der Verheiratung Minderjähriger. Die Mitglieder der Gemeinde von San Juan La Laguna stammen vor allem aus den USA, Kanada, Israel und Russland. Die Mehrzahl von ihnen lebte bereits seit sechs Jahren in dem Ort.

Zwangsheiraten zugelassen

Lev Tahor bedeutet im Hebräischen „reines Herz“. Diese Gruppierung ist selbst für ultraorthodoxe Juden noch extrem in ihren Ansichten und auch in Israel nicht unumstritten, da sie Zwangsheiraten zulässt. Verschiedentlich wurden sie in israelischen Medien als die „jüdischen Taliban“ bezeichnet. Sie leben streng nach religiösem Rhythmus. Die Gebete stehen im Zentrum der täglichen Aktivitäten. Jede Art von Modernität lehnen die Lev Tahor ab, weshalb sie auch elektronische Errungenschaften wie Fernseher und Computer verbieten.

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